Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Unsere Großväter
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 120 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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120 Werden, da der jüdische Religionsunterricht auf's traurigste vernachlässigt war. Aber.auch für die Erwachsenen mußte gesorgt werden. Es erstanden Gelehrte, die ihr Leben selbstlos, aus reiner Liebe zum Judentum in den Dienst jüdischer Wissenschaft stellten und damit für alle Kommenden die Wege bahnten. Ich brauche Ihnen nur den Namen Leopold Zunz zu nennen. Ebenso Steinschneider, Geiger, Gratz, die ihr Lebenlang im Dienste des Judentums arbeiteten als Pioniere der Wissenschaft. Sie sind bis heute die Vorbilder aller jüdischen Gelehrten geblieben, die mit modernen Methoden als geschulte Forscher auf jüdischem Gebiet arbeiten, lehren und - wirken. Hierher gehört auch das Dioskurenpaar Steinthal und Lazarus, die weiter oben als feinsinnige Ghettoschilderer uns in die Sitten desselben eingeführt haben. Jeder einzelne von den hier genannten, aus dem Ghetto hervorgegangenen Gelehrten war von solcher Bedeutung und übte eine so tiefe, nachhaltige Wirkung sowohl aus das Judentum wie auch auf die Wissenschaft, welche sie vertraten, daß, um aus ihrem Leben und Wirken nur das wichtigste zu künden, über jeden Einzelnen ein besonderer Vortrag gehalten werden müßte. Hatten wir bis hierher mehr die Preußischen Juden im Auge, wie sie nach dem Austritte aus dem Ghetto sich entwickelten, so wollen wir jetzt auch einen Blick auf die österreichisch-ungarischen werfen, deren Kerker sich erst viel später öffnete, erst 1842. Unser Gewährsmann Mayer beginnt seine Schilderung der Öffnung des Preßburger Ghetto und der Wirkung, welche dieselbe auf Juden und Christen hatte,' mit der folgenden interessanten Episode: „Den Weg, welchen die Juden seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts bis zum heutigen Tage zurückgelegt haben, können nur diejenigen ermessen, die mitlebende Zeugen des Sturmes in der christlichen Bevölkerung Preßburgs gewesen sind, welchen die Öffnung des Ghetto schon bei ihrer Anregung hervorrief. Im Landtage war der Antrag, die Ghettos in ganz Ungarn aufzuheben, nur durch die Autorität Deak's, des damaligen Führers der liberalen Opposition, durchgedrungen. In der entscheidenden