Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Unsere Großväter
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 119 (sequence 9)
- Language
- German
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Städten, vor allem in Berlin, Fuß faßten und sich den Ausbau des jüdischen Gemeindelebens zur Aufgabe machten. Hier durfte man nicht zögern,aus den Einrichtungen des Ghetto fußend, den neuen veränderten^ Verhältnissen angemessene Einrichtungen zu schaffen. "Damals wurde auch der Grund gelegt zu den heute so imposant dastehenden Wohlfahrts- und Wohltätigkeitsvereinen, die alle Gebiete gemeindlicher Fürsorge umsaffen. Ganz besondere Aufmerksamkeit mußte der Synagoge und der zeitgemäßen Gestaltung des Gottesdienstes gewidinet werden, wobei die Einführung der modernen deutschen Predigt den wichtigsten Punkt bildet. Um deutsche Prediger heranzubilden, die mit ihrer weltlichen Gelehrsamkeit das alte Talmudstudium verbanden, wurden theologische Hochschulen und Rabbinerseminäre gegründet, aus denen bis auf den heutigen Tag die jüdischen Gemeinden ihre Seelsorger erhalten. Doch das lichte Bild des damaligen jüdischen Lebens hatte auch seine Schattenseite, welche geeignet war, die besten Männer der Gemeinde mit schwerer Sorge um die Zukunft der deutschen Judenheit zu erfüllen. Die Luft der Freiheit, wirkte aus viele so berauschend, das neue, auf sie eindringende Licht wirkte so blendend, daß sich viele von ihrer Vergangenheit ganz lossagten, ihre Religion aufgaben und in eine der christlichen Konfessionen übertraten, und zwar taten dies gerade die allerhervorragendsten Persönlichkeiten von höchster Intelligenz, sodaß es den anderen ein um so schlimmeres Beispiel war, zumal sie auch die jungen Talente in ihre Salons zogen, die dort mit ihren Ideen durchtränkt wurden. Nach und nach, so fürchtete man nicht mit Unrecht, wird diese sogenannte Aufklärung in die Mode kommen, auf die breiten Schichten übergehen und der Abfall könnte immer weiter um sich greifen. Lernten doch die Kinder in den deutschen Schulen alles mögliche, nur nicht ihre eigne Religion, ihre eigne Geschichte, ihre eignen literarischen Schätze. Wie sollten sie dereinst Hochhalten, was sie nie kennen gelernt hatten? Hier mußte zunächst eingesetzt