Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Unsere Großväter
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 118 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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118 - stellung zu beweisen, das Maßhalten im Arbeiten vergaßen und sich damit zu Grunde richteten. Bei einigen, wie bei dem langjährigen Stadtverordneten-Vorsteher Straßmann sowie bei Eduard Lasker ist das erwiesene Tatsache. Wenn aber im Eingänge unserer Betrachtung von den eigenartig vollkommenen Typen die Rede war, die durch die glückliche Verschmelzung altjüdischer und deutscher Kultur entstanden, von den Männern, die gleichsam in ihrer Person beide Kulturen verkörpern, so muß hier bald gesagt werden, daß diese Art von Vollkommenheit unter den deutschen Juden nach und nach verloren ging, weil sie das Studium ihrer ureigenen literarischen Schätze aufgaben, so daß das kommende Geschlecht immer weniger dieser Mustermenschen aufzuweisen hatte. Sie wären völlig verschwunden, wenn nicht die jüdischen Fachgelehrten und Theologen die jüdische Wissenschaft gepflegt hätten. Bei der Erziehung der Kinder wurde in den meisten Häusern nur wenig Wert auf alles Jüdische gelegt. Erforderte doch die sonstige Ausbildung soviel Zeit und angespannte Kraft, daß für diese Seite nur wenig übrig blieb. Man lese nur, in wie beweglichen Worten ein Mann wie Steiuthal diese Zustände beklagt und nicht müde wird, seinen Glaubensgenossen vor die Seele zu führen, daß sie ihr bestes Gut, die Wurzeln ihrer Kraft preisgeben, und daß alles Schöne und Große, was sie dafür eintauschen, keinen Ersatz für das Verlorene bieten könne. In hundert Variationen tönt die Mahnung an sein Volk wieder:' „Eignen wir uns alle germanischen Tugenden an, und halten wir unsere altjüdischen fest!" Kaufleute, die zugleich jüdische Gelehrte sind, wie es im Ghetto die Regel war, gab es zu jener Zeit nur noch in ganz vereinzelten Fällen wie Abraham Merzbacher, Gottschalk Levy, Simon Baruch Schefftel. Von den ostjüdischen Gelehrten sind S. Halberstamm, Salomon Bub er, Abraham Epstein und jedenfalls noch viele andere zu nennen, die die alten Traditionen bis in unsere Tage treu bewahrten. Kehren wir nun zu der Zeit zurück, als unsere Vorfahren nach ihrer Befreiung in den preußischen