Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Unsere Großväter
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 117 (sequence 7)
- Language
- German
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117 setzten sie geradezu ihre Ehre darein, ihre Kinder zu Gelehrten zu machen. Und nicht etwa die Reichen dachten und handelten so — nein die geringsten Geschäftsleute' opferten häufig den letzten Pfennig, um ihren Kindern eine gelehrte Bildung angedeihen zu lassen. Viele Fälle sind bekannt, in welchen aus so armen, aus derartig beschränkten Verhältnissen hervorgegangenen Studenten gerade die nachmals berühmtesten, zu den höchsten Spitzen der Gelehrtenwelt zählenden Forscher hervorgegangen sind. Da wirkte das Ghetto nach. Aus den armen Talmudjüngern des Ghetto waren nun ebenso arme Studenten der Medizin, der Jurisprudenz, der Philosophie geworden. Also arm und reich drängten in die hohen Schulen und Universitäten wie im Ghetto zum Talmudstudium. So kam es denn, daß schon die nächste Generation eine Fülle von Doktoren der verschiedensten Fakultäten aufzuweisen hatte, die zum großen Teil ihrer Wissenschaft zu Nutz und Vorteil, ihrem Stande zur Zierde gereichten. Auch im öffentlichen Leben, im politischen Leben, im städtischen Gemeinwesen, in der Presse taten sich die Kinder der Ghettojuden bald mächtig hervor und gewannen weitgehenden Einfluß. Da ihnen von Staatswegen keine Anstellung gewährt wurde, waren sie genötigt, im Ehrenamt ihre Talente zu verwerten. In selbstloser Hingebung verrichteten sie ihre Riesenarbeit. Kein Opfer war ihnen zu groß, wenn es galt, ihrem über Alles geliebten neugewonnenen Vaterlande zu dienen. Als Abgeordnete, Stadträte und Journalisten halfen, sie zu ihrem Teile reichlich mit, das neue Reich im Innern auszubauen, ihm Verfassung und Gesetz zu gründen, und Berlin aus der Hauptstadt Preußens zur Reichshauptstadt umzuformen. Ja, viele trieben ihre Selbstverleugnung zu weit und taten mehr, als ihre Körperkräfte ihnen erlaubten, rieben sich vorzeitig auf und starben jung. Rudolf Virchow fiel es auf, daß verhältnismäßig so viele hervorragende Juden in Berlin in jungen Jahren starben, und er erklärte sich's damit, daß diese hochbegabten Männer in dem heißen Streben, das Recht auf die Zugehörigkeit ihres Stammes zum deutschen Reiche und auf völlige Gleich-