Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Unsere Großväter
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 116 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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IIS waren sie auch in Banden gewesen; nunmehr wirkte die äußere Freiheit wie Frühlingswehen auf sie ein. überall sproßte neues Leben aus ihrer Schaffenskraft. Sie fühlten sich so glücklich, so restlos glücklich, wie sicheben nur der zu fühlen vermag, der nach langem, langem vergeblichem Warten in eine andere bessere Welt verseht wird, in eine Welt, die für andere immer schon da war und nur für ihn das Jenseits, das erträumte Paradies bedeutete. Wie leicht wird die Arbeit, wenn man daber von so freudigen Gefühlen erfüllt ist! Und wie arbeiteten sie! Galt es doch, dieser Welt zu zeigen, daß man ihrer würdig ist. Alle waren sie von dem edlen Ehrgeiz beseelt, die Spuren der langen Knechtschaft so schnell wie möglich abzustreifen und sich in ihrem ganzen Auftreten, in Sprache, Gesittung und Kleidung durch nichts mehr von ihren christlichen Mitbürgern zu unterscheiden. Dabei arbeitete ein Jeder in seinem Berufe in gewohnter Pflichttreue, ja mit verdoppeltem Fleiße, um in Handel und Wandel die neuen Bedingungen sich zu eigen zu machen, neue Beziehungen anzuknüpfen ' und das Geschäft in Blüte zu bringen. Und mit welchem Erfolge! Die Wohlhabenheit wuchs, ' der Handel erblühte in jeder Stadt, in der sie sich niederließen, und so wurden sie zum Segen "auch für die christlichen Mitbürger. Jahrhundertelang gewaltsam in den Handelsberus hineingedrängt, auf welchen sie ihre reiche Begabung und all ihren Fleiß konzentrieren mußten, war es nur natürlich, daß sie auf diesem Gebiete bald tonangebend wurden. Wenn sie jetzt aber-trotzdem ihre Kinder nicht für den Kaufmannsstand, der ihnen selber Gewinn, Gedeihen und Ansehen gebracht hatte, sondern für den gelehrten Stand erzogen, so lieferten sie damit den glänzendsten Beweis, daß der Handelsgeist nicht ihre eigentliche Seele ausmachte, daß vielmehr nur ihre traurige Geschichte denselben entstehen und wachsen ließ, daß geistige Güter ihnen weit über Reichtum und Glanz gingen. Statt ihre Kinder zur Stütze ihres Alters, zu Mehrern und Förderern ihrer eignen geschäftlichen Erfolge zu erziehen, wozu man den Eltern das Recht wohl nicht streitig machen könnte.