Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Unsere Großväter
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 113 (sequence 3)
- Language
- German
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US daß letztere durch die Wächter geöffnet wurden, nicht verlassen werden. In dieser Gassenenge, der das Gesetz keine Erweiterung gestattete, waren zu meiner Zeit einige tausend Menschen zusammengepfercht; in diesem engen Raume mußten sie leben, wohnen und sterben." Hierauf gibt Mayer eine ausführliche Schilderung der Wohnungsverhältnisse im Ghetto, die so trostlos lautet, daß man an das heutige „Territorium", wie man das große russische Ghetto genannt hat, denken muß. Aber diese Hölle mit ihren Millionen von unschuldigen Opfern verdient diesen Namen nicht, weil es eben eine Hölle und kein Ghetto ist. Im Ghetto lebte man zwar auch unter drückenden und einschränkenden Besetzen, aber doch unter diesen Gesetzen ruhig und unangefochten. Die Wohnungsnot, die dort herrschte, war nicht etwa der Armut zuzuschreiben, sondern die Verhältnisse, in welchen die Juden leben mußten, haben sie geschaffen. Mit Recht sagt Mayer, daß es uns Heutigen unbegreiflich erscheint, wie unsere Vorfahren in'diesen engen Behausungen ohne Hof, ohne Luftzutritt, mit dem schlechten ungenießbaren Wasser leben konnten. Leider aber müssen wir wieder konstatieren, daß unsere armen russischen Glaubensgenossen sich glücklich schätzen könnten, wenn sie wohnen würden, wie unsere Vorfahren im deutschen oder österreichisch-ungarischen Ghetto. Doch müssen wir gleich bei dieser Gelegenheit feststellen, daß die Lage, in der die russischen Massen sich heute noch befinden, so trostlos, elend und jammervoll sie auch sein mag, immer noch nicht ausreicht, sie ganz zu entwürdigen, sondern daß, wenn auch ein Teil körperlich und moralisch zu Grunde geht, immer noch ein starker Stamm bleibt, der sich herausretten.und unter besseren Lebensbedingungen aufblühen, sich natürlich entwickeln und wer weiß welche großen Eigenschaften noch entfalten wird. Kehren wir nach dieser Abschweifung zu unseren preußischen Juden zurück, und lernen wir das geistige Leben derselben kennen, wozu' wir an der Hand von Lazarus und Steinthal in aller Kürze gelangen werden. „Hebräisch lesen konnte jeder, Mann und Frau, jung und alt, gelehrt und ungelehrt; denn das war schon 8