Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Unsere Großväter
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Bedrückungen, unter denen unsere Voreltern ganz besonders die letzten fünfhundert Jahre vor ihrer Befreiung so grausam zu leiden hatten, würden hingereicht haben, jedes andere Volk der Menschenwürde völlig zu entkleiden. Wenn es also als eines der größten Geschichtswunder zu betrachten ist, daß unsere Vorfahren in so erstaunlich kurzer Zeit ihren christlichen Mitbürgern sich ebenbürtig zeigten, wenn sie ebenso schnell auch äußerlich in Sprache, Kleidung und Gesittung es ihnen gleichtaten, so müssen wir das Leben kennen, das sie bis zu ihrer Befreiung geführt haben, wie sie vorbereitet waren für die Freiheit, wie sie in der Bedrückung Geist und Körper gesund erhielten, vor dem Verderben bewahrten und disziplinierten, — mit einem Worte, wir müssen das Ghetto, den Schauplatz ihrer langjährigen Leidensgeschichte, kennen lernen. Da von uns keiner mehr ein Ghetto in leibhaftiger Gestalt gesehen hat, so bleibt uns nichts anderes übrig, als uns an die Schilderungen von Männern zu halten, die im Ghetto geboren und groß geworden sind. Da ist zuerst ein alter Kaufmann Sigmund Mayer zu nennen,*) von welchem vor kurzer Zeit ein dickes Buch erschienen ist, das eine ausführliche Schilderung des Preßburger Ghetto enthält. Aus derselben werden wir mehr die äußeren, materiellen Lebensbedingungen kennen lernen, unter welchen unsere Vorfahren ihre Tage hinbringen Mußten. Über das geistige Leben im Ghetto, das bei weitem wichtigere, das ausschlaggebende, können wir uns aus Lazarus und Steinthal näher unterrichten. Auf diese Weise können wir. hoffen, in der kurzen Zeit, die uns heute hier zu Gebote steht, ein wahrheitsgetreues BUd vom Ghettoleben zu erhalten. Sigmund Mayer sagt: „Das Ghetto, in dem ich geboren bin und das eine Mustertype für alle ist, bestand aus einer einzigen, langen, schmalen Gasse. Sie wurde noch jeden Abend von der städtischen Polizei durch schwere eiserne Gitter abgesperrt und konnte nachts, ohne *) Sigmund Mayer, die Wiener Juden 1700—1900.