Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Unsere Großväter
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 114. — durch das Gebetbuch geboten, wie hätten sie sonst die vorgeschriebenen Gebete lesen können. Aber auch andere Bücher in hebräischer Sprache wurden viel gelesen. Die meisten konnten auch deutsch lesen und Kursivschrift schreiben." Nun sollte man denken, daß ein Schulzwang ausgeübt wurde, um das zu erreichen. Aber weit entfernt. Wie viele Vereine es auch zu allen möglichen Zwecken im Ghetto gegeben hat — die Schule war ganz frei, der Unterricht der Kinder völlig in das Belieben der Eltern gestellt. Je nach ihrer Wohlhabenheit hielten die einen sich Privatlehrer, während die andern ihre Kinder ins Cheder schickten, wo sie den ganzen Tag aushalten mußten vom frühesten Morgen an bis zum späten Abend. Nun kommen wir zu demjenigen Studium, welches das eigentliche Leben des Ghetto ausmacht, zum Talmudstudium. „Lernen", sagt Lazarus, „war der Kunstausdruck für - diese geistige Beschäftigung, aber in der dreifachen Bedeutung des Lehrens, des Lernens und der selbständigen Forschung." „Zwischen 13 und 16, auch wohl 16 Jahren werden die Knaben zu allerlei weltlichen Geschäften verwendet, zum weitaus größten Teil werden sie dem Handelsstande zugeführt, dem einzigen, zu dem der Zutritt ihnen offen war. Die aber einer gelehrten Bildung teilhaftig werden sollten, besuchen zugleich .die Schule des Talmudlehrers, die Jeschiba, welche die letzten Grade und den vollen Umfang der rabbinischen Gelehrsamkeit darbietet. Unter zweihundert Männern vierzig Gelehrte, die ohne irgend einen weltlichen Zweck oder praktischen Erfolg mit unermüdlichem Eifer ihrer Wissenschaft obliegen. Ist es ein Wunder, daß die Nachkommen jenes Geschlechts, sobald die Pforten aller anderen Schulen und gelehrten Berufsarten sich auftaten, in ungewöhnlichen Zahlen zu denselben drängten. Wissensdurst, Sehnsucht nach geistiger Arbeit sind Erbtümer in zahlreichen jüdischen Familien; allermeist der einzige erbliche Besitz." „Die tiefste, am meisten beachtete soziale Scheidung ist die zwischen Gelehrten und Ungelehrten. Der Adel des Wissens und hervorragende Frömmigkeit hatte damals eine große Anziehungskraft; die Töchter wie die Söhne sehr