Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Unsere Großväter
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 111 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Unsere Großväter.*) Von Rosalie Perles. dlMenn von unseren Großvätern hier erzählt werden ' so muß gleich vorausgeschickt werden, daß nur von uns Alten die Großväter gemeint sind, von den Jüngeren unter uns stnd's die Urgroßväter und von den Jüngsten die Ururgroßväter. „Ich bin ein guter Deutscher". Mit dieser Beteuerung glaubte die letzte jüdische Generation jede Rede, jeden Artikel, ja sogar jedes Gespräch mit einem christlichen Mitbürger einleiten zu müssen. Unseren Großvätern wäre so etwas gar nicht eingefallen. Für sie war ihr Deutschtum ebenso selbstverständlich wie ihr Judentum; denn in ihrer Person war beides so innig mit einander verschmolzen, daß es sich garnicht trennen ließ. Wie sollte es ihnen da einfallen, das zu beteuern, was ihr ganzes Leben ausmachte! Fällt es einer Mutter ein zu beteuern: „ich liebe mein einziges Kind!" Als für unsere Großväter das Morgenrot der Freiheit anbrach, das sie aus ihrer Absonderung heraus in die Mitte ihrer christlichen Mitgürger führte, entstand jene ganz eigene herrliche Mischung, in welcher die bisher mit aller Strenge^ geübten altjüdischen Tugenden mit den wahlverwandten deutschen Tugenden sich verbanden. Und wenn diese Leiden Kulturen, die altjüdische und die deutsche, in einer Persönlichkeit sich gleichsam verkörperten, so entstanden jene Vollkommenheiten, die wir an so vielen unserer Voreltern bewundern, Typen, wie sie wohl niemals und nirgends wiederzufinden sind. *) Nach einem Vortrag, gehalten in der Frauenloge der Kantloge Ln Königsberg am 2. März 1918.