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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1919-01-01 · 22 (1919) · p. Seite 76

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
22 (1919)
Article
Briefe Gotthold Salomons an Isak Noa Mannheimer
Date
1919-01-01
Page
Seite 76 (sequence 9)
Language
German
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lieblichsten Hoffnungen, die mit der neuen Natur in mir erwachen, gehört auch die, daß Sie mich für die bisher unschuldig erlittenen'Entbehrungen in der Folge durch Ihre Zuschriften und Mitteilungen entschädigen werden, lvie Sie dies mir ja auch versprochen haben. Und nun zur Beantwortung der übrigen Punkte in Ihrem Schreiben. Wie Ihr Schreiben überhaupt, so haben mich die, Nachrichten über die dortige Einrichtung in der Synagoge ganz besonders und aufs cm* -genehmste überrascht. Daß das Gotteshaus eines der imposanntesten Gebäude sei> las ich in öffentlichen Blättern; daß Sie alle 14 Tage predigen, erbauen, begeistern, hinreisten wüßte ich auch, daß der dortige -Kantor ein wahrer Schatz („Sekz“) für die musikalischen Ohren der Wiener <sei, blieb mir auch nicht unbekannt. Aber daß der Geist des Herrn d. i. der Geist echter Frömmigkeit auch das Leben, das Haus- und Familienleben durchdringe, daß der Traualtar wie die Wiege und das Grab durch das lebendige Wort der Religion geweihet und gleichsam verklärt wird — mein, davon wußte ich nichts; und daß in der dortigen Synagoge deutsche Gebete verrichtet und deutsche Choräle eingcführt werden, üabe ich nicht .geahnt, wie würde ich sonst ein so merkwürdiges in der Geschichte des isr. Kultus epochemachendes Ereignis in der Vorrede zu meinen Festpredigten unberührt'gelassen haben! O, daß ich Ihren Brief nicht um einige Monate früher gehabt habe! Mein Leben und meine Vorrede Hätten an Inhalt bedeutend gewonnen, Sie guter, böser Mann! — Da aber die Dinge nun so stehen, so haben Sie am wenigsten Ursache über Ihre Stellung zu klagen. Wie? Sie'stehen vereinzelt? Haben Sie ja eine komplette Gemeinde! Können Sie ja jedem feindlichen Prinzips mit Mose entgegnen „Bi:n.'ar6im uwis’kenenu. nelecli“, während wir rkaum über ein Fragment einer Gemeinde disponieren können. Ich sage kaum; denn in diesem Fragmente ist keine Einheit; Freiheit genug, aber keine Gleichheit; ein Teil läßt, die Kinder konfirmieren, ein anderer Teil ist dagegen; Trauungen von unserer Seite fallen selten vor; das Weihefest der neugeborenen Knaben ist gerade nicht sehr anziehend; Reden am Grabe 'wurden noch gar nicht gehalten; in der Direktion selbst sind die Ansichten -verschieden und von einander abweichend, der eine Vorsteher ist für das Vorwärtsschreiten, der andere meint, wir wären schon zu weit avanciert, es könnte uns keine Gemeinde nach, darum ständen wir allein da. Sehen Sie, Liebster! das nenne ich vereinzelt stehen, das nenne ich ein zerstückelt Werk. Aber das Ihrige ist wahrlich sehr bedeutend und segensreich. „Wir wären wenigstens in loco die siegende Kirche"? Gott erbarme sich des Sieges und der Sieger! Meiner Ansicht nach ist der Sieg, der Ihnen chevorsteht, weit größer und umfangreicher, denn sobald das Prinzip der Reform dort anerkannt sein wird — und der Geist wird wohl die Form sich erschaffen und erzwingen! — so wird Jhro Synagoge Norn; -werden für mehrere Königreiche. Aber wir? Auf wen sollen wir wirken? Mit welcher Gemeinde sollen wir uns verständigen? Man läßt sich mit -nns, als Repräsentanten einer modernen Kirche, in gar keine Unterhandlungen ein, so wie sich das engl. Kabinet jedesmal standhaft weigerte mxf Napoleon zu unterhandeln, da es denselben nie als Kaiser anerkannt chatte. Mit Kop enhag.en sollen wir unser Glück versuchen? Du lieber

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