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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1919-01-01 · 22 (1919) · p. Seite 72

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
22 (1919)
Article
Briefe Gotthold Salomons an Isak Noa Mannheimer
Date
1919-01-01
Page
Seite 72 (sequence 5)
Language
German
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_ II.; Wertester Freund! Die Feiertage sind nun und mit 'ihnen das viele Predigen und Arbeiten zu Ende, itzt kann ich mir eine Feststunde bereiten und ein trauliches Wörtchen mit Jhllen plaudern. Zwei, Ihrer lieben Briefe, der eine an den Herrn Ür. Kley, der andere an mich liegen vor mir, ich lese sie nochmals durch und erhebe mich abermals an dem reinen und hohen Geiste, der in Ihrem'Schreiben atmet, stärke mich von neuem durch die festen Grundsätze, die Sie in demselben aussprechen und meine Achtung und Liebe für Sie und Ihre Handlungsweise steigt je öfter ich die lieben Worte lese und mich in Ihre Lage versetze, in der Sie sich, Teuerster! so mutig behaupteten, keinen Fingerbreit von dem Wege abweichend, der Kum Heiligtume führet. Ich muß es Ihnen nur gestehen, daß ich, wdem ich mit dem großen im Tone der warmen Freundschaft abgefaßten Briefe an den Amtsbruder gerichtet, das winzige Brieflein verglich, das Sie mir sandten, Wohl eine Anwandlung des — Neides in mir verspürt habe, den Sie mir zu gute halten und der Herr vergeben wolle. — So wenig Hoffnung für die gute Sache sich indessen in beiden Briefen kund tat, so erfreulich war es mir doch zu vernehmen, daß die Juden in Kopenhagen wenigstens zum Bessern noch angeregt Werdern können. — Ist ein gutes Zeichen! dachte ich, und der Mann, dem der Herr, wie seinem Propheten, eine beredte Zunge gegeben, wird dem .Volke in das Herz reden und ihm die Augen öffnen, auf daß sie fühlen und sehen mögen. An diesem Gedanken, Sie dürfen es glauben, Lieber! labte ich wich während der Festtage, bis ich von unserem Kley den Inhalt Ihres späteren Schreibens erfuhr, daß das, was kaum begonnen, schon wieder zerronnen und Hopfen und Malz verloren ist. — Ist es also doch wahr, daß mit diesem wandelbaren Volke nichts anzufangen und alle seine Tugend wie Feldesblume ist? ... . Warum weilen Sie nun noch immer und opfern Ihre bessere Kraft? Viele Ihrer früheren Bedenklichkeiten, die Berliner Stelle betreffend, fallen jetzt gänzlich weg, da Zunz freiwillig sein Amt niedergelegt; sie werden sich alle heben lassen die Schwierigkeiten, wenn Sie die Stätte betreten, die bis jetzt, mit wenigen Ausnahmen, nicht würdig' genug betreten worden ist. Der Tempel zu Berlin, deß bin ich» überzeugt, würde kein so jämmerlich Synagogen-Bild dorstellen, wenn der Prediger ein höheres Ideal ausgestellt und das Volk zu sich emporgehoben hätte.. Mit Recht klagt man "die Künstler anwenn die Kunst verfällt, und den Priester trifft die Schuld, wenn das Heiligkum entweihet wird. — Anfangs war ich der Meinung, kein Mitglied unseres Vereins sollte die Predigerstelle in Berlin annehmen. Indem sich die Dinge aber ganz anders verhalten und 8.*), wie es scheint, die Kraft zu resignieren, die aber keineswegs besitzt, aus Trümmern ein schönes Ganzes herzustellen, so müssen *) Zunz.

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