Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Der Ölberg im jüdischen Ritus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 39 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3111067-3111110-3117660--5942-3117729- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
89 Riten, die wir im nachstehenden vorführen werden, bestimmend eingewirkt haben. Mehr wissen wir vom Olberge und den auf ihm sich abspielenden Riten aus der Zeit des zweiten Tempels, und es ist nicht ohne Berechtigung, von einer Rolle des Olberges „im öffentlichen Leben der Juden" zu sprechen, wie es der alte christliche Gelehrte G. B. Win er tut. Zunächst wurden auf dem Olberge, als Ausgangsstation, geraume Zeit hindurch die Signalfeuer angezündet, mit welchen den Juden, u. z. bis nach Babylonien hin, die Festsetzung des Neumondes bekannt gegeben wurde (Mischna Rosch ha°Schana 2,4). Zu dieser Rolle kam der Olberg infolge der natürlichen topographischen Verhältnisse. die wir angedeutet haben. Mit denselben Verhältnissen hängt es zusammen, wenn erörtert wird, ob gewisse Partien des Olberges zum geheiligten Umkreise der Stadt Jerusalem gehören oder nicht. Den Umkreis der Stadt genau zu bestimmen, war darum notwendig, weil die sogenannten „geringeren" Heiligtümer (Fleisch vom Freudenopfer und dgl.) und der „zweite" Zehent (von Vieh, Getreide, Ol und Wein), deren Genuß auch den zum Laienstande gehörigen Darbringern freistand, ja geboten war, nur innerhalb der Stadtmauern verzehrt werden durften. An den drei Wallfahrtsfesten aber, da diese Darbringung gewöhnlich vor sich ging,- war überaus zahlreiches Volk in Jerusalem anwesend, das, zu gutem Teile im Freien kampierend, gewiß auch die schönen Hänge des nahen Olberges für sich in Anspruch nahm, und es lag nun nahe, daß man ihm gestattete, auch seine „Heiligtümer" daselbst zu verzehren?) Die Situation ist ungefähr dieselbe, wie anläßlich des Pesachopfers am 14. Nisan; die Zahl der Opfernden war zu groß, als daß sie hätten alle in der Stadt Unterkunft finden können, und so kampierten sie draußen vor der Stadt in ihren Zelten, wo sie, in geschlossenen Gesellschaften, auch ihr Pesachmahl verzehrten. Allerdings war dieses Mahl nicht gerade an den ') Vgl. Luncz' Jerusalem 1, 101.