Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 2)
- Language
- German
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IS ftubien voraussetzen, die nicht jedermann machen könne. Man könnte dies im allgemeine,: zugeben, obwohl es auch nicht an guten und lesbaren Schriften fehlt, die bei aller Gediegenheit recht verständlich sind. Man muß eben lesen und lernen wollen, sich der'Sache mit Interesse und Liebe widmen, wie es unsere Vorfahren bis fast um die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein noch getan haben, als das Ideal des Wissens, ehemals eine Grundsäule des Judentums, bei uns noch in Ehren stand. Aber in der Hauptsache ist der Klage über das Fehlen allgemein verständlicher Schriften über das Judentum die Frage entgegen zu halten: warum fehlt bei uns jetzt eine solche Literatur, während sie in früheren Jahrhunderten in reichem Maße vorhanden war? Doch lediglich deshalb, weil wir kein Lesepublikum haben, weil unsere Volksgenossen in der großen Mehrheit an diesen Dingen uninteressiert Vorbeigehen — und was noch schlimmer ist, weil die Unwissen, heit auf diesem Gebiete aufgehört hat, ein geistiger Mangel zu sein. Ehedem hat es natürlich in unserer Mitte auch nicht an Unwissenden gefehlt, allerdings waren sie weniger zahlreich als jetzt; aber diese Unwissenden waren die Ungebildeten, während sich heutzutage bei uns Juden allgemeine Bildung mit völliger Unkenntnis des Judentums sehr gut vereinigen läßt und häufig vereinigt auch gefunden wird. Darin muß gründlich Wandel geschaffen werden. Ich sehe jetzt eine Zeit der inneren Einkehr und der strengen Selbstprüfung kommen — wie für die gesamte gesittete Menschheit, auch füruns Juden. An dem schwerenUnglück, das in unseren Tagen über die Völker hereingebrochen ist, haben wir Juden bei unserer politischen Machtlosigkeit am allerwenigsten Schuld. Es ist dies vielleicht der Segen unserer Machtlosigkeit, daß unser Gewissen nicht mit der Schuld an dieser Katastrophe beladen ist. Aber wenn nunmehr an die Heilung der schweren Wunden gegangen werden soll, die der Weltkrieg allen Völkern geschlagen hat, müssen wir Juden mit allen Kräften daran Mitarbeiten. Ich denke hier an die moralische Kraft, die nötig ist, die Menschheit aus der seelischen Tiefe heraus- 2*