Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Dichterruhm
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 152 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111108-3117450--5853-3117628- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
152 Ruhe lassen", fuhr Friede! fort. „Ich habe sie mit Gewalt ein wenig aufs Sofa gebettet". „War sie nicht wohl?" fragte Frau Hermann erschreckt. „Wohl nichts besonderes. Ich weiß nicht recht, was mit ihr ist". Sie sagte es so harmlos, daß es ste erstannte, daß die alte Dame neben ihr dreimal, wie schwer bedrückt, vielsagend mit dem Kopfe nickte. „Es ist ja nichts weiter", beruhigte Friede! naiv. „Und dann sind Sie ja doch hier im Haus. Sie werden sie schon fein wieder in die Höhe bringen". „Kindchen, ich!" sagte die andere mit bitterem Lächeln. „Ich kann ihr nicht helfen". Friede! sah mit Staunen, daß sich Frau Hermanns Lider leicht röteten, was die wohl selber kaum merkte. Aber den Gast rührte es viel mehr, als der Schmerzensausbruch im oberen Stockwerk. „Besser wäre es schon, wenn ich nicht hier wäre". „Für Minnie?" fragte Friedei erschreckt. „Für Minnie und für unseren Sohn und für uns", sagte die Aeltere unbeirrbar fest. „Ich kanns nicht ändern", fuhr sie ergeben fort. „In den vierzig Jahren unserer Ehe habe ich meinen guten Mann noch nicht so dringend um etwas gebeten wie jetzt, wie unser Salo heiratete. Wer ist alles schon fortgezogen von Krotomischel! Vor vierzig Jahren war das eine andere Gemeinde, Frauchen, als heute. Aber Krotomischel war nie ein schöner Ort. Es hat genug gegeben, die ihren Männern so lange zugesetzt haben, bis sie fortgezogen sind. Wir waren auch jung, Frauchen, und wußten, daß in Berlin mehr los ist als in Krotomischel". Friede! blickte ganz erstaunt hoch. Was? die Alten waren auch einmal jung gewesen und hatten eine Sehnsucht gekannt von hier weg, wo sie doch so eingewurzelt und engverwachsen mit dem Boden schienen. „Wenn mein guter Mann mir immer mit so was gekommen ist: „Hannchen, Jakobs ziehen nach Posen" oder der und der, habe ich immer gesagt: „Laß sie. Glück auf den Weg. In Krotomischel läßt sich auch leben. Wir haben hier unser Brot". S ist nicht allen wo anders besser gegangen. Einer ist groß geworden, andere wieder, die hier ihr achtbares Auskommen gehabt haben, sind dort