Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Dichterruhm
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 140 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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märe: Leo Lesser war bei mir, der Reisende, mit dem wir Ihnen schon ein paarmal begegneten". Friede! war wie gelahmt. Sie schaute ihre neue Freundin, die ihr zuletzt den Rücken zugedreht hatte, fassungslos an. Diese wandte sich ihr langsam wieder zu. Ihr Gesicht sah wieder ruhiger aus, sie versuchte sogar zu lächeln. „Sie müssen nicht denken, daß ich meinen Mann, — na, das trauen Sie mir Wohl auch nicht zu. Aber ein paar junge Menschen, mit denen es sich reden laßt, muß ich haben, sonst werde ich verrückt. Sie brauche ich, und Leo Lesser brauche ich und was noch Verkehrbares so mit der Bahn meist geschäftlich hereinschneit. Nur meine lieben Schwiegereltern, — das ertrage ich nicht". „Und Ihr Mann?" fragte Friede! wie mahnend. „Er ist — natürlich, er ist ja sehr nett, — aber —" „Nun? aber?" Minnie zuckte die Achseln. „Ich sagte ja schon, er sieht seiner Mutter so ähnlich. Und seinem Vater sieht er ähnlich. Und überhaupt, ganz Krotomischel sieht er ähnlich". „Mein Gott!" sagte Friede! unwillig. „Aber natürlich ist er trotzdem sehr nett", beeilte sich Minnie zu sagen. „Und daß ich mich gern ein bischen mit andern unterhalte, dabei ist doch nichts, mirklich nichts". „Na, also! Warum erzählen Sie es mir da als so etwas Besonderes!" „Gar nichts wäre dabei", eiferte Minnie, „nicht so viel!" Sie schwippte mit den Fingern. „Wenn meine Schwiegermutter nicht jedesmal so eine schiefe Nase ziehen wollte". Es gefiel nun Friede! auf einmal nicht mehr in dem lieblichen Raum. Aber sie mußte doch etwas sagen. Minnie sah sie so erwartungsvoll und erregt an. „Interessieren Sie sich für diesen Herrn Lesser?". Sie stieß es wie in Angst hervor.