Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Dichterruhm
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 139 (sequence 15)
- Language
- German
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Frau Minute sah sehr nachdenklich aus. „Hübsch ist er ja", meinte sie. „Früher fand ich sogar, sehr" — „Und jetzt?" fragte Friede! gespannt. Minnie verzog den Mund. „Er sieht seiner Mutter so grauenhaft ähnlich", sagte sie in abfälligem Ton. „Na, und?" „Na ja. Das genügt doch. Wenn ich nun eben unten meine Schwiegermutter bis zum Überdruß genoffen habe, und komme herauf und finde hier oben ihre Visage noch einmal, — das kann mir doch wirklich nicht angenehm sein". „Ach, gehn Sie. Sie sind bös". „Ja?" fragte Minnie beinahe kindlich und zuckte die Achseln. „Übrigens haben Sie schon einmal nachgedacht, Friede!, — bei mir erleben Sie nicht mehr, daß ich Sie „Frau Böhm" tftuliere, — wieso in Krotomischel alle Menschen Schwiegereltern haben? In weniger gesegneten Orten ist das nicht so". Friede! lachte hell auf, aber Minnie blieb ganz ernste „Herr Schächter Cohn hat sich auch seine Schwiegermama Nachkommen lassen, bloß, weil es ihn geniert, ohne Schwiegeraltsche hier herumzulaufen. Es ist gegen die Tradition. Denn sonst wüßte ich nicht, was ihn an der alten Dame gereizt haben könnte. Sie kennen sie nicht?" Friedei schüttelte den Kopf. „Aber, Menschenskind, haben Sie denn keinen Zutritt zu den feineren Kreisen hier?' Ein Glück, daß Sie zu mir kamen. Ich muß Sie einführen in die Krotomischler Gesellschaft, unbedingt. Sie Wundern sich über meine Gesellschaftstoilette? Wer heut schon alles bei mir war! Die Vereinsbotin vom Vater-- ländischen Frauenverein-, ein Betteljunge, der Maurer, — der-der-— auf einmal stand sie kerzengrade vor Friedel, sie zerknüllte das feine Taschentuch zornig in den zarten, nervös zuckenden Händen, auch in ihrem Gesicht zuckle es in zornigem, verhaltenen Weinen: „Und noch jemand war bei mir. Und da Sie jetzt meine- Freundin sind, sollen Sie es auch wissen. 'Und auch,. Laß ich es sonst nicht aushielt in diesem gottverfluchten Nest und meinem lieben Mann schon längst durchgebranntz