Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Ein klerikaler Laienhebraist und Judengegner vor 1870
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 118 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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des Todesjahres Christi zog Sepp auch die 70 Jahreswochen des Daniel heran". Diese ganzen chronologischen Feststellungen bietet der im Jahre 1843 gedruckte 1. Teil des „Lebens Christi". Dieses umfängliche dreibändige Werk trat mit vollem Bewußtsein dem berühmten umstürzlerischen „Leben Jesu" von David Friedrich Strauß entgegen, über dessen sofortige Wirkung sich Sepp (S. 44/46 der Lebenserinnerungen) wie folgt äußert: „Man saß zwischen zwei Stühlen: es galt entweder die Fesseln des Mosaismus abzuwerfen und die synoptischen Berichte als mangelhaft anzuerkennen oder unkritisch wie bisher auf die alten Voraussetzungen zu bauen und wissenschaftlich abzudanken". Sepp wählte den ersteren Weg. Er begann das Leben des Heilands aus den engen Grenzen des Judentums zu befreien und kennzeichnete Christus als den auch von den Heiden Ersehnten, der nicht bloß der Messias der Juden, sondern der Weltheiland war .... Um aber für die neutestamentliche Schriftauslegung eine sichere Grundlage zu gewinnen und die Worte der Evangelien richtig zu deuten, verlegte sich Sepp mit jahrelang ausdauerndem Fleiß auf das Studium des Talmud und der rabbinischen Schriften, aus welchen einschlägige Stellen zur Würdigung der Aussprüche Christi zu gewinnen waren. Dadurch stellte er die christliche Hermeneutik auf einen neuen Boden. Er räumte den Hebräern das Vorrecht ein, ihre Aussprüche zu deuten, ihre Redensarten von der Binde- und Lösegewalt u. a. ganz bestimmt auszulegen. Die nichtkatholischen Gelehrten Lightfoot, Schöttgen, Menschen waren ihm hierin mit gutem Beispiel vorangegangen und noch später hat Dr. Wünsche*) reiche Ausbeute dafür geliefert. Im Munde der großen Lehrer in Israel wiederholen sich ungesucht dieselben Anschauungen, und Aussprüche wie „Du bist der Fels, auf den ich meine Kirche baue" sind uns unverständlich ohne die Parallele, daß der Messias der Fels der Kirche sei!" *) Gemeint sind natürlich Professor Dr. August Wünschet (Dresden) Arbeiten: „Neue Beiträge zur Erläuterung der Evangelien aus Talmud und Midrasch" (1878), „Der Talmud (1879^. „Rätselweisheit bei den Hebräern" (1883) und/ viele andere.