Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Der Wille in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 105 (sequence 22)
- Language
- German
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Liegt zwischen Abrahams Heimat Ur Kasdim und Deutschland oder Amerika oder Australien! Die großen Völker, die ihren Ruhm darin sehen, daß sie die ganze 'Erde kolonisieren, haben unserem Planeten auch nicht mehr den Stempel ihres Wesens aufgedrückt. Heute sind alle fünf Erdteile mit Juden besiedelt. Einer der neuesten Historiker, der alldeutsche Albrecht Wirth, sieht darin den Höhepunkt der jüdischen Geschichte. 'Bei der engen Verbindung zwischen jüdischem und deutschem Wesen sieht er darin zugleich auch einen Sieg des Deutschtums. „Mit der Ausdehnung nach den Ufern des stillen Meeres, nach Kalifornien und' Ostsibieren, wodurch ein Ring deutschsprechender Bevölkerung um die Erde gelegt ist, haben die Juden ihr äußeres Ziel erreicht". (Volkstum und Weltmacht in der Geschichte. S. 131). In allen diesen Wendungen und Wanderungen zeigt sich jener Wille zum Leben, der sich schon in so früher Zeit offenbart. Das Motto der jüdischen Geschichte ist in der Tat das alte Psalmwort: „Ich will nicht sterben, sondern leben und die WeriK Gottes verkünden." Freilich herrscht dieser Wille nicht allein. Wie sich im menschlichen Leben Gesundheit und Krankheit in vielen Formen durchdringen und einander begegnen, so hat auch der gesunde und natürliche Wille, das Verlangen nach Weiterbestand, mit allen Arten der Schwäche immer zu kämpfen, mit der Sehnsucht nach Ruhe, mit dem Verlangen, unterzutauchen, mitdem Wunsche, der anspannenden und oft aufreibenden Aufgabe, Jude zu sein, zu entgehen. Das Judentum kennt auch abgestorbene Zweige. Zehn von seinen zwölf Stämmen sind verloren gegangen. Auch von den spanischen Juden und noch vielen anderen konnten sich nicht alle von ihrer schönen Heimat trennen. Nicht wenige davon sind Marannen geworden. Auch der Geist der Schwäche wandelt durch unsere Geschichte, wie durch unsere Gegenwart. Aus seinem Kampfe mit der Treue, mit dem Mut und dem Bekenntnis zu der gottgegebenen Aufgabe ist der ganze Lauf unserer Geschichte hervorgegangen.