Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Der Wille in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 21)
- Language
- German
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sonst nie ein böses Geschick als endgültig hingenommen haben. Die Weltgeschichte heißt beim Dichter das Weltgericht. Aber wie gegen den Spruch des Richters'Berufung und Revision möglich ist und selbst gegen das rechtskräftige Urteil das Verfahren wieder ausgenommen werden kann, so haben auch die Juden von der Entscheidung von Vergangenheit und Gegenwart immer an das Tribunal der Zukunft die Berufung eingelegt. So haben sie in hohem Maße die Geduld gelernt, die in letzter Linie im Vertrauen auf Gott ihren Ankergrund findet. Eines der kurzen, schönen Gebete unserer Religion lautet einfach: „Gelobt sei Gott, der die Zeiten ändert." Die Zeiten bleiben sich nicht gleich. Und jüdischer WilleG und jüdische Energie haben immer an ihrer Veränderung garbeitet. Im Jahre 1290 waren sie aus England vertrieben worden, 360 Jahre lang durfte kein Jude auf britischen Inseln wohnen. Aber keineswegs nahmen" unsere entschlossenen Väter diese Vertreibung als einen unabänderlichen Schicksalsspruch hin. Ms die Zeit dafür gekommen war, um die Mitte des 17/ Jahrhunderts, arbeitete Manasse Len Israel mit der Tatkraft, der Umsicht und Geduld des Staatsmannes daran, die verschlossenen Tore wieder zu öffnen. Das große Werk gelang. Und wenn es auch Jahrhunderte lang gedauert hatte, schließlich hatte doch der beharrliche und unermüdliche Wille über die Macht gesiegt. Sein Triumph ist aber kein einmaliges Ereignis in unserer ernsten Geschichte. In der neuesten Zeit hat er sich wiederholt. Zu Hunderttausenden wurden seit dem Beginn der achtziger Jahre die Juden aus Rußland ausgetrieben. Sie haben sich nicht gebeugt, nicht sich selber verleugnet und aufgegeben, sondern zum Wanderstabe "gegriffen, wie ihr Stammvater Abraham. In glücklicheren Ländern, in Deutschland, in Nordamerika haben sie dann ein Dasein in Freiheit und in Ehren gefunden, und die große Umwälzung in ihrer Heimat verpflichtet sie abermals zu Dank gegen Gott, der die Zeiten ändert. Diese Wanderungen sind ein Ruhmesblatt in der Geschichte unseres alten Stammes. Welch ein Weg