Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1918-01-01 · 21 (1918) · p. Seite 101

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
21 (1918)
Article
Der Wille in der jüdischen Geschichte
Date
1918-01-01
Page
Seite 101 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3111067-3111108-3117447--5799-3117577
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

,t,quod nimis alte cantassent“, weil sie zu laut ge- Vetet hätten l Ein rühmliches Zeugnis dieses ungebeugten Sinnes, Ler sich dem Unrecht nicht fügt, sind aber auch die zahlreichen Prozesse, von denen uns die Geschichte so vieler -Gemeinden berichtet. Vor Gericht stritten hervorragende Männer und geringe Leute für das noch ungeborene 'Recht der Zukunft gegen die geltenden Gesetze. Mit .ihren schwachen, aber vereinten Kräften brachten sie -schließlich doch das Rad der Zeit ins Rollen. Die -Emanzipation der preußischen Juden ist ganz wesentlich Lurch die tapfere Standhaftigkeit eines armen Mannes -gefördert worden. Er hieß Hirsch Pollak, war Konditor «und hatte das Recht in Marienwerder zu wohnen. Von Len Franzosen gebrandschatzt, war er nach Königsberg gezogen. Hier wurde er denn auch am 15. November 1808 ^rusgewiesen. Aber er wich dem Unrecht nicht, obgleich -es ihn kraft Rechtens traf. Am 18. November bereits wandte er sich unmittelbar an den König. Auch an den Stufen des Throns redet er in seiner Eingabe nicht wie «in Schutzjude, sondern wie ein freier und selbstbewußter Mann Er habe nichts verbrochen, was die harte Maßregelung rechtfertige; sie mache ihn zum Bettler. Und hier vertritt nun Friedrich Wilhelm III. im Gegensatz zu dem zuständigen Minister von Schrötter das wahre Recht. Er gewährt dem armen Kuchenbäcker zunächst «inen längeren Aufschub und bemerkt dann, es sei überhaupt. nicht passend, in dieser Zeit Juden auszuweisen. Der Fall Pollak gab der ganzen Sache unserer Befreiung «einen mächtigen Anstoß und wir genießen heute noch die Früchte seiner -Tatkraft.*) Aber das größte Beispiel für den drängenden Zug der jüdischen Geschichte, für ihr Streben, das Schicksal zu bemeistern und nicht nur hinzunehmen, bilden doch die großen Vertreibungen im Mittelalter und in der neueren Zeit. Jahrhunderte lang waren aus England, aus Frankreich die Juden vertrieben, aus Spanien wurden *) Vgl. die Aktenstücke bei I. F r e u n d: Die Emanzipation Ler Juden in Preußen, H, S. 215—221.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.