Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Der Wille in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 100 (sequence 17)
- Language
- German
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100 müssen vieles dulden und sich zähneknirschend in vieleSschicken, was sie nicht ändern können. Die Geschichte der: jüngsten Jahre zeigte uns die Ohnmacht der Macht- Die jüdische offenbart die Macht der Ohnmacht. Wehrlos stand der Jude allen Verfolgungen gegenüber,, aber mit starker innerer Kraft. Verfolgungen, das sindalle diese Begebenheiten von der Seite der Mächtigem aus gesehen. Vom jüdischen Lager aus betrachtet heißt? die bewegende Kraft unserer Geschichte: Widerstand- Die ganze jüdische Geschichte ist nicht Eroberung, sondern Verteidigung, aber Verteidigung mit stärkster Beharrlichkeit. Grätz hätte seine „Geschichte der Juden" gerade so» schließen können, wie Friedrich der Große seine „Ge- .schichte des siebenjährigen Krieges":.„Die Standhaftigkeit, allein ist es, was in den großen Geschäften aus Gefahren, zu erretten vermag!" Das Schicksal der Judengesetze selber zeigt dem nachhaltigen Erfolg dieser Verteidigung. Wie lange hat die kanonische Gesetzgebung den Christen den Verkehr mit Juden, den christlichen Dienstboten den Aufenthalt in: jüdischen Häusern verboten! Wie lange hat sie sich' Le»- müht, den Juden innerhalb der europäischen Gesellschaftem abzuschließen und einzukapseln. Jahrhunderte lang ver-- geblich. Denn der Jude leistete, bescheiden und unverdrossen, unablässig Widerstand. Die Geschichte diesem stillen, beharrlichen Verteidigung liest sich oft wie eim Trauerspiel, nicht selten aber auch wie eine Komödie- Ein.stiller Gottesdienst nur war den Juden verstattet,, in keiner Weise durfte die Synagoge irgendwie auffallen... . Schon Gregor der Große verlangte, eine Synagoge müßte verlegt werden, wenn sie in der unmittelbarem Nähe einer Kirche erbaut wäre, ,,ut ad eam vox psal- Jentimn perveairet“, sodaß man dort die betenden Indem hören könne. Das war um das Jahr 500. 600 Jahre- ' später aber mußte sich Innozenz III. dagegen verwahren, daß die Juden „non dernissa voce, sed'- magno cturx clamore“, nicht mit demütiger Stimme,, sondern mit großem Geschrei ihre Feste feierten.. Undim Jahre 1288 wurden gar die Pariser Juden bestraft,.