Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Der Wille in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 19)
- Language
- German
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— 102 — sie verjagt, aus zahlreichen deutschen Landesteilen verbannt. Auch hier sehen wir zunächst nur das Elend... den Zwang, die grausame Nötigung und Unfreiheit. Aber wiederum ist all dieses schwere Unglück nur eine-. Seite der Begebenheiten. Vertreibungen sind alle diese Ereignisse, Betrachtet vom Standpunkt der herrschenden Gewalten und der Not des Augenblicks. Aus dem Geiste der ganzen Geschichte heraus betrachten wir sie als Wanderungen. In ihnen aber zeigt sich überwältigend» die Standhaftigkeit der jüdischen Seele. Sie verlangt nicht nach dem Leben schlechthin, sondern ihr ist nur das Dasein wertvoll, in dem sie sich nach ihrer berechtigten Art entfalten kann. Ein neuerer Physiker hat gesagt, nichts sei so charakterlos, wie das Wasser, weil es sich jeder beliebigen Form anpasse. Dann hat aber der -Judefeinen Charakter gezeigt, indem er sich nicht anpaßte,, sondern lieber zum Wanderstabe griff. Ein uralter, vom Schicksal bestimmter Zug! Wie die deutsche Geschichte mit einer Völkerwanderung beginnt, so ist das allererste, womit die jüdische Geschichte anhebt, eine Wanderung,. Gottes Befehl an Abraham, Vaterland und Heimat zu verlassen. Welche Willenskraft gehörte doch dazu, dieliebgewordenen Stätten auszugeben, einem unsicheren Schicksal entgegenzuziehen, und die Kinder in jungem Jahren hinauszusenden, wer weiß, welchen Versuchungen entgegen. Aber das große Wagnis gelang. Ueberall wohin der Jude kam, fand er seine Religion, die ihim auch in der Fremde eine Heimat schuf. Er fand Gotteshäuser und' Genossen seines Glaubens, die sich seiner annahmen. Darum konnten immer so viele Juden im eine neue Welt ziehen. Das gemeinsame Band desselben Gottesdienstes verband sie immer wieder. Und das- Gotteshaus war daneben auch stets das. waS sein Name bezeichnet, Beth Hakneseth, oder wie es seit den Tagendes Hellenismus heißt, Synagoge, das heißt „Versammlungshaus". Diesen Wanderungen verdankt das Judentum seinen Beistand. So fuhr es durch die Fluten der Geschichte- „wie ein Schiff mit wasserdichten Schotten". Verheerende: