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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1918-01-01 · 21 (1918) · p. Seite 95

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
21 (1918)
Article
Der Wille in der jüdischen Geschichte
Date
1918-01-01
Page
Seite 95 (sequence 12)
Language
German
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— .95 — Religion zuerst veraltet, dann aber abgestorben. Das 'Judentum aber., hat sich durch die fortdauernde -Vertiefung in seine Heiligtümer immer frisch erhalten. Unsere Re- -ligionsphilosophen und Rabbinen, überhaupt alle denkenden. Juden haben die überlieferte Religion stets in Beziehung M den Erscheinungen und Ideen der Zeit gebracht und die Auseinandersetzung mit ihren Mächten unternommen. Mt jeder Gegenwart mußte das Judentum also in Wettbewerb treten, um mit ihren Gewalten sich zu messen. -Es stand nicht seitab im Winkel, sondern trieb mitten im Strome oder im Sturm der Zeit. Philo rechtfertigte es vor der griechischen Welt und Maimonides vor Aristoteles und der glänzenden arabischen Kultur. Und wir alle messen es an den Gedanken des 20. Jahrhunderts, wie Mir umgekehrt jede Frage unserer Zeit auch von dem Standpunkt des Judentums und der jüdischen Gemeinschaft aus zu beurteilen suchen. Daher durchdringen sich im geschichtlichen Judentum Zeit und Ewigkeit, und dadurch ist es lebendig geblieben. Bei der Erklärung und Ausübung der zuerst so fernliegenden Mizwoth schwebt doch jedem ernsten Juden das Bekenntnis vor, daß „Gott uns durch seine Gebote geheiligt hat", und -wenn er im Lichte dieses erhabenen Wortes das „Zeremonialgesetz" betrachtet, verwandelt sich der Ritus in ein Mittel zur Heiligung des Menschen. Durch den Willen seiner Kinder entgeht so das Judentum der Notwendigkeit, der kein Einzelwesen eütrinnen kann, dem Schicksal des Alterns. Vor hundert Jahren ließ sich David Friedländer das übermütige Wort entschlüpfen, in abermals hundert Jahren werde in Berlin niemand mehr wissen, was eine Mazzoh sei. Aber er hat sich getäuscht. Der Geist, der die Institutionen des Judentums geschaffen hat, will leben und nicht sterben. Nicht alle Juden zwar beobachten, verstehen, würdigen alle Schöpfungen unserer Religion. Gerade ihre, positiven Satzungen, die Speisegesetze, die Einzelheiten des Sabbath und anderes werden sogar» nur von einer Minderzahl in ihrem vollen Umfang beobachtet. Aber nur wenige haben sie ganz und grundsätzlich über Bord geworfen, und fast alle stehen auch.

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