Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Der Wille in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 10)
- Language
- German
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Wirklichkeit. So halten auch wir das Judentum als em wahrhaft vorhandenes Gut in seiner großen geistigen Macht, in seinem Schrifttum, das die Hülle seiner Religion ist. Die Pflege dieser Religion und ihrer Lehre hat den über alle Welt zerstreuten Bekennern einen einzigen Geist eingeflößt und jenen inneren Zusammenhang der Seelen begründet, der sonst das Ergebnis großer Macht ist. Schon ganz früh stellt Mose die Forderung: „Du sollst die Thora Deinen Kindern einschärfen und' davon reden, wenn Du in Deinem Hause sitzest und wenn Du auf dem Wege gehest, wenn Du Dich niederlegst und wenn Du wieder aufstehst". Hier ist in der Urzeit ein Lebensgesetz des Judentums ausgesprochen, an dessen Erfüllung die Erhaltung des Judentums hing und hängt. Die Pflege der Thora und ihrer Verzweigungen gab die Möglichkeit, trotz aller Zerstreuung und trotz aller Ohnmacht dennoch die getrennten Glieder zusammenzusassen und zu erhalten. Im Lichte dieser Erkenntnis werden wir nun auch die Rabbinen und die Gelehrten des Judentums mit anderen Augen ansehen. Wir mochten sie wohl für Philologen halten, die sich in ihre Bücher vergraben. Aber sie waren mehr und größeres. In der Studierstube und im Lehrhause arbeiteten sie an der Erhaltung unserer Gemeinschaft, Staatsmänner und Patrioten in der bescheidenen Hülle des Forschers. Durch dieses Studium ist eine gleichmäßige Gedanken- und Empfindungswelt für die über alle Welt zerstreuten Juden geschaffen worden. So wurde der Grund für, eine Entwicklung gelegt, die für den Bestand unserer Gemeinschaft von der allergrößten Bedeutung geworden ist, nämlich für die Verbreitung des Talmud über die ganze. Erde. Auch dieses Ereignis scheint zunächst ganz der Literaturgeschichte anzugehören. In Wirklichkeit aber reicht seine Bedeutung weit über die Geschichte der Wissenschaften hinaus. Wie im 16. Jahrhundert das ganze Abendland das Recht des längst untergegangenen römischen Reiches annahm und so Rom 1000 Jahre nach seinem Tode noch einmal seinen Geist und seine Kraft der Welt aufzwang, so war auch die Verbreitung des