Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Der Wille in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nation an einem Tage geboren?" Nicht auf einmal und nicht in einem Augenblick ändert sich die Welt, aber in ewigem Wechsel kreist alles, und in ewiger Umbildung bewegen sich auch die großen Menschlichen Gemeinschaften, diese dauernden Schöpfungen des menschlichen Geistes. Es gibt hier kein Eigentum, sondern nur Lehen, und wer * sein Lehen lange behalten will, muß es verdienen. In diesem dauernden Wechsel, diesem ewigen Auf und Nieder aber gehört, auch an den Maßen und Zeiten der Geschichte gemessen, das Judentum zu den dauernden Erscheinungen der Menschheit. Von dieser Tatsache gehen wir aus, um dem Rätsel dieser großen und wunderbaren Lebenskraft näher zu kommen. Erstaunlich war die Tatsache ja stets. Die Unzerstörbarkeit des Judentums in der Flucht der Zeiten schien immer ein unbegreifliches Rätsel, und frühere Jahrhunderte suchten es zu lösen, indem sie die grauenhafte Gestalt des ewigen Juden ersannen. Er kann nicht leben und nicht sterben, sucht den Tod und kann ihn nicht finden. Denn auf ihm lastet ein Fluch, und er ist verdammt, zu leben. Er lebt nicht, er kann nur nicht sterben. Wir geben auf die alte Frage eine ganz andere Antwort. Die Quelle, die unsere Geschichte speist, ist der Wille. Das Judentum hat die Zeiten überdauert, weil es sie überdauern wollte, weil es sein ganzes Leben, seine Lebensführung und seine Ideale von Sittlichkeit diesem Willen unterordnete. In schwerer Zeit singt ein Psalm: „Ich will nicht sterben, sondern leben und das Wirken Gottes verkünden". So sang einst die Judenheit im Rückblick auf eine schwere, glücklich überstandene Gefahr, und dieses prophetische Wort ist das Leitwort der ganzen, auch der späteren jüdischen Geschichte geworden. Aber diese spätere jüdische Geschichte ist sehr eigentümlich, Weder gleicht sie der Geschichte eines Staates, noch der einer Kirche. Die Staaten haben immer ein Land als Schauplatz ihrer Geschichte, und dieses bestimmt schon von Uranfang an in großen Zügen den künftigen Lauf der Entwicklung. Entscheidend ist für Deutschland seine Lage inmitten des europäischen Festlands, umgeben