Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Der Wille in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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87 Schauspiel. Wir müssen nur die Bilder der Vergänglichkeit in der Geschichte aufsuchen. Sie hat schon viele Völker sterben sehen. Meist nennt man die lange schon verklungenen Nationen, die im Altertum blühten und seitdem verschwunden sind, die Babylonier und Assyrer, die Griechen und Römer. Ihre Entwicklung ist abgeschlossen, das letzte Blatt ihrer Geschichte ist schon längst * geschrieben, und deshalb tritt jene ewige Schicksalsgestaltung bei ihnen mit besonderer Klarheit hervor. Doch 1 in Wahrheit streiten Leben und Tod zu allen Zeiten um den Bestand der Völker. Auch die neue Zeit kennt hoch-. * | entwickelte Kulturvölker, die ausgerottet, totgeschlagen ® worden sind, so die Azteken und die Inkas- Anderen ist die Freude am Leben entschwunden, ihr Mut ist gebeugt; der Geburtenrückgang, dieser Rassenselbstmord, bedroht sie mit der Gefahr des Untergangs. Auf diesem bedenklichen Wege wandelt ein großer Teil der heutigen europäischen Völker. Wieder andere bestehen wohl physisch, aber sie haben ihre Kulturbedeutung eingebüßt, so die Wenden. Und andere endlich sind ohnmächtig, nachdem sie einst alle Macht der Welt besessen hatten. So war einmal Portugal die erste Großmacht und hat doch alles verloren. Venedig beherrschte vor Jahrhunderten alle Meere und ist heute nur eine italienische Provinzstadt. So sehen wir überall den Niedergang in seinen verschiedensten Formen. Ebenso aber auch die ewige Neugeburt der Völker und ihrer Macht. Seit einigen Jahrhunderten erlebt die Welt die Entstehung eines neuen Volkes, die Bildung einer amerikanischem Rasse und Nation. Die BalkanvMer, ' seit einem halben Jahr-, tausend den Türken unterworfen, haben im 19. Jahr- ’ hundert ihre Wiederauferstehung gefeiert. Polen, seit über 100 Jahren anscheinend hoffnungslos zur Ohnmacht und zur Zerstückelung verurteilt, hat jetzt im Weltkrieg die Hoffnung auf Wiederherstellung gewonnen. In ihren einzelnen Abschnitten entgehen uns diese Veränderungen, und wenn sie vollendet sind, stehen wir erstaunt vor dem Ergebnis. Da gilt dann die Frage des Propheten: „Entsteht ein Volk mit einem Schlage? Wird eine ß