Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Der Wille in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 3)
- Language
- German
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86 eindruck. Ein Wort drückt ihr Wesen aus, so, wie eK sich uns immer darstellte, das Wort: Leiden. Als eine- Folge von Schmerzen und von Verfolgungen, vom drückenden Gesetzen und Austreibungen erscheint unsere Vergangenheit in vielen Darstellungen und in der Auffassung der Meisten. Ein Zunz fand nur das schmerzliche Wort der Bewunderung, wenn es eine Stufenleiter von Leiden gäbe, habe Israel die höchste Sprosse erstiegen. Wenn die Fülle der Leiden und die, Kraft, mit der sie ertragen werden, adelten, nähme Israel es mit den Hoch» geborenen aller Volker auf. Die Tatsachen, die diesem bewundernden und doch auch tief bedrückenden Urteil! zugrunde liegen, bleiben. Aber wir selber sind anderegeworden. Wir haben nunmehr, nach drei Kriegsjahren, ein anderes Auge gewonnen. Die alten Tatsachen gestatten ein anderes Bild. Auch in der Irdischen Geschichteoffenbart sich nun eher! die gewollte Gestaltung des- Schicksals und weniger die duldende Hinnahme. Sie erscheint uns jetzt, mehr vom eigenen und weniger vom fremden Willen beherrscht. Wir wagen es zu sagen, daßauch die jüdische Gemeinschaft mit einer großartigen Kraft; den Weg gegangen ist, den sie nach der innersten Bestimmung ihres Schicksals gehen sollte. , II. Wir schöpfen den Mut zu diesem Glauben aus dem wichtigsten Ergebnis der jüdischen Geschichte. Es gibt; heute noch Juden; das ist die grundleg ende Tatsache. Wir Pflegen es zwar als selbstverständlich hinzunehmen, daß das Judentum noch besteht. Solange wir leben, haben wir ja stets von Juden gehört, immer solche gesehen und ihr Dasein scheint uns selbstverständlich zu sein. Aber ein Blick auf die Geschichte belehrt uns eines besseren.- Auch die Völker, auch die Religionen, auch diese großem und scheinbar ewigen Gebilde der Menschheit, unterliegem in Wirklichkeit dem Gesetze des Werdens und Vergehens,- und das ewige Leben ist ihnen keineswegs gewährleistet. Die lange Dauer des Judentums ist ein wunderbares