Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Der Weltkrieg und die biblische Kulturmission
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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— •78 — riie erreichte Höhe erklommen haben, sahen das Wesen der Religion in der moralischen Vervollkommnung der Menschen. Wie sich die Psalmisten einen der Gottesnähe Würdigen zeichneten, sehen wir in dem 24., noch deutlicher in dem 15. Psalm. Da wird nämlich auf die Frage: „O Herr, wer kann in deinen Zelten wohnen, wer -auf deinem heiligen Berge weilen?" geantwortet: „Wer ohne Tadel einhergeht, wer Recht tut und die Wahrheit in seinem Herzen redet. Wer mit seiner Zunge nicht verleumdet, seinem Mitmenschen nichts Böses zufügt und seinen Genossen nicht schmäht. In dessen Augen der Verworfene verachtet ist, der aber die, Gottesfürchtige» ehrt. Der zu seinem Schaden schwört und es doch nicht ändert. Wer sein Geld nicht auf Wucher gibt und keine Bestechung gegen einen Unschuldigen nimmt. Wer dieses tut, wird niemals wanken." » In dieser Verschmelzung von Religion und Moral liegt die spezifische Eigenart der Bibel. Durch diese Kraft konnte sie den Siegeslauf um die Erde nehmen. Diese Vereinignng ganz allein gab ihr die Gewalt, alle ulten Religionen zu Boden zu Wersen und auch den großen Philosophen den Rang abzulaufen. Wohl waren auch philosophische Köpfe, des Heidentums Träger edler, humaner Ideen, wohl hat uns auch Plato ethische Lehren hinterlassen, deretwegen jüdische Scholastiker und Kabbalisten zu ihm wie zu einem Gottesmanne aufschauten, Wohl haben noch andere griechische Denker moralische Anschauungen ausgesprochen, um deretwillen die Griechen von den Midraschweisen als die „dem Weg der Wahrheit am nächsten Stehenden" bezeichnet werden. Allein jenen humanen Ideen und ethischen Lehren fehlte jegliche heilige Autorität, jeder göttliche Charakter. Sie -galten nicht als himmlischen Ursprungs und ihre Verkünder nicht als die Gesandten Gottes, sondern als verketzerte Philosophen, die oft der Gotteslästerung beschuldigt waren. Daher konnte jenen außerbiblischen Morallehren keine religiöse Norm zuerkannt werden. Sie galten als rein wissenschaftliche, subjektive Meinungen, die keine verbindliche Kraft besaßen und denen andere, entgegengesetzte Meinungen