Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Der Weltkrieg und die biblische Kulturmission
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 77 (sequence 22)
- Language
- German
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verdanken. Wie die Bibel die Religion durch die Moral läutert, so wird in ihr die Moral durch die Religion fundiert. Religion bildet in ihr den Ausgangspunkt der Moral, und die Moral wird zum Endzweck der Religion. Wie die biblische Ethik keine andere Grundlage hat als Gott, so kennt der biblische Gottesbegriff keine andere Basis als die Ethik. Mit anderen Worten: Die biblische Ethik ist lauter Religion, weil ihre ethischen Forderungen keine andere verbindliche Kraft , haben, als Gott. Hinwiderum ist die biblische Religion lauter Ethik, da ihre sämtlichen Grundforderungen ethische Motive haben. Denn, daß auch die spezifisch religiösen Vorschriften, die wir gemeinhin Zermonialgesetze nennen, in ihren Tendenzen auf das Ethische hinauslaufen, daß auch sie nichts anderes als Hilfsmittel für die moralische Erziehung sein wollen, das hat nicht zu allererst Hillel der Große ausgesprochen, als er dem Proselyten die Nächstenliebe als die eigentliche Religion Israels hinstellte, — das hat auch nicht Micha zum ersten Male, kundgetan, als er den Ausspruch tat: „Er hat dir kundgetan, o Mensch, was gut ist und was der Ewige von dir fordert; nichts als Recht üben, Wohltun lieben und in Demut vor deinem Gott wandeln!" (Micha 6, 8) — das haben auch nicht die anderen Propheten, durch deren Reden dieser Gedanke wie ein roter Faden sich hindurchzieht, zuerst zum Ausdruck gebracht, sondern das wird ebenso deutlich vom Zeremonialgesetz der Thüra ausgesprochen, indem es seinen sämtlichen Vorschriften eine ethische Begründung hinzufügt, die den eigentlichen Zweck der zeremoniellen Satzung darstellt. Die moralischen Anordnungen dagegen haben keine außer ihnen liegende Motivierung, da sie Selbstzweck sind. Der ethisch erzieherische Hintergrund der Zeremonial- und Rituälvorschriften ist so sehr gewiß und offenbar, (vergl. z. B. 2. M. 13, 9. 16; 20,11; 23,15—16; 4. M. 15, 40; 5. M. 14, 23; u. ö.) daß er von allen Bibelforschern und Religionsphilosophen — auch den orthodoxesten — als selbstverständlich auch dort vorausgesetzt wird, wo er im biblischen Text fehlt. Selbst die Psalmisten, die in der religiösen Intuition, und Verinnerlichung eine sonst