Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Der Weltkrieg und die biblische Kulturmission
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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V ' — 70 — ' ■ ■ ' der einzelne Mensch konsequenterweise ganz wertlos erscheinen; da von diesem Gesichtspunkte aus nur die großen Massen irgend einen Wert beanspruchen können: Die Bibel hat jedem Einzelnen die Pflicht der sittlichen Vervollkommnung auferlegt und hat somit dem Geringsten dieselbe Aufgabe wie dem Größten gestellt. Dadurch aber bleibt die biblische Religionsanschauung:: bis zum heutigen Tage die einzige, die der Menschheit einen Daseinszweck zuerkennt, u. z. dem Einzelnen wie der Gesamtheit. Wenn die außerbiblischen Religionen für das Menschengeschlecht überhaupt einen Daseinszweck" zu finden nicht imstande sind, dann für den Einzelnen umso weniger. Dagegen kann der von der Bibel gelehrte Zweck der Menschenschöpfung, nämlich die sittliche Vollendung und das Bestreben, sich Gott immer mehr zu nähern, von jedem einzelnen Menschen ebenso wie vom ganzen Volke erreicht werden. Daß jeder Mensch in dem anderen den Selbstzweck ächtet, das ist das erste Kriterium aller Humanität. Somit muß die Bibel auch von diesem Standpunkte aus als die- Begründerin der Humanität bezeichnet werden. Das Fehlen jenes erhabenen Prinzips der individuellen Seelenschätzung hat in der Gesetzgebung des heidnischen Altertums die erschreckendsten Konsequenzen: nach sich gezogen. So ist z. B. die im ganzen Altertum üblich gewesene Kinderaussetzung, die auch Lei den klassischen Völkern verheerend gewirkt hat, als eine direkte Folge des Fehlens jenes Moralischen Grundgedankens anzusehen. Während dieses grauenhafte Verbrechen von den berühmtesten römischen Kaisern geübt und von den größten Philosophen gutgeheißen ward, hat die Bibel, gemäß der Lehre von der individuellen Seelenschätzung,, den Kindermord nicht minder schwer bestraft als den der Erwachsenen. Wenn das außerbiblische Altertum den Zweck des- Jndividuums lediglich im Staate sah, so mußte das ganze Volk auch den Maßstab für Moral und Ethik für den Einzelnen abgeben. Wie der Staat nur vom Starken Nutzen ziehen kann, nicht aber vom Schwachen, so mußte-