Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Der Weltkrieg und die biblische Kulturmission
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111108-3117446--5764-3117543- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 67 — Motivierung der Moral verringern zu können. In Wahrheit jedoch ist ein ethischer Polytheismus eine logische Unmöglichkeit, eine Quadratur des Kreises. Wer da glaubt, die Götter könnten auch in ihrer Vielheit ethischer Natur sein, der verkennt völlig den philosophischen Hintergrund der polytheistischen Religionsanschauungen.* Das eigentliche Moment, das die altheidnischen Denker dazu trieb, viele Gottheiten voraus- , zusetzen, ist der ständige Kampf zwischen den verschiedenen Naturelementen, wie. er stets zu beobachten ist. Das unaufhörliche Bestreben der Naturkräfte, sich gegenseitig zu vernichten oder mindestens zu verdrängen, wie den Kampf zwischen Licht und Finsternis, Sommer und Winter, Feuer und Wasser, u. dgl. m. — suchte man sich als einen unversöhnlichen Haß zwischen den den Naturelementen innewohnenden Kräften, die als selbstständige Gottheiten gedacht waren, verständlich zu machen. 'Danach mußten die heidnischen Götter vön unausrottbaren bösen Leidenschaften, wie Habsucht, Neid, Haß u. a. erfüllt sein. Hätte man sich die die Natur personifizierenden Gottheiten mit allen moralischen Vorzügen ausgestattet vorstellen können, dann wäre das ganze Dasein dieser Götter ein zweckloses gewesen, da sie den konstanten Kampf zwischen den Naturelementen ohne Erklärung gelassen, hätten. Mit anderen Worten: Wären die heidnischen Götter, dem biblischen Gotte gleich, mit Begriffen wie Liebe, Güte, Gnade und Barmherzigkeit zu vereinen gewesen, dann hätten sie überhaupt nicht existiert, da sie doch lediglich zur Erklärung der Vernichtung und der Zerstörung in den Naturprozessen geschaffen sind. Es kann uns daher nicht wundernehmen, wenn uns die heidnischen Gottheiten aller Mythologien als neidische, gehässige, verlogene, betrügerische und unzüchtige Wesen entgegentreten. Diese Götter konnten somit dem Menschen nicht als edle Vorbilder dienen, und ebensowenig konnte der Mensch von denselben irgendwelche Förderung auf dem Wege zuseiner sittlichen Vervollkommnung erwarten. Wohl fehlt es im alten Heidentum nicht an Ansätzen, die Gottheiten zu Idealbildern der