Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Der Weltkrieg und die biblische Kulturmission
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 7)
- Language
- German
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, — 62 — Pen alten Heiden, für den Städter wie für den Bauern, war jede rationelle Naturbetrachtung eine schwere Sünde 'gegen die Götter und Geister, die feiner primitiven An- X schauung nach die Natur beherrschen. Eine wissenschaftliche \ Weltanschauung konnte daher in das Innere jener Völker nicht dringen; die Aufklärung blieb auf die wenigen -erleuchteten Geister beschränkt. Seit der Befreiung Europas vom Mittelalter durch den Humanismus hat man sich daran gewöhnt, die altgriechische Volkskultur als ein Ideal hinzustellen und' das Leben der alten Helenen als eines voller Schönheit und Heiterkeit anzusehen. Man hat bewußt und unbewußt übersehen, woK uns die griechische Literatur mehr als deutlich erkennen läßt, daß es immer nur die geistigen Spitzen waren, denen der Fortschritt idealen und schönen Lebens- .genuß brachte. In den Niederungen dagegen seufzten die Horden in Sklaverei und in geistiger Verkümmerung . -und bekämpften jeden seelischen Aufschwung und jede Aufllärung. Das kam allein daher, daß ihre zügellosen Götter und Göttinnen sie durch Entartung ins Verderben führten, weshalb sie dann nach ihrem politischen Ruin auch geistig zugrunde gehen mußten. Ganz anders lagen die Verhältnisse in der Renaissance, fetzt appellierte die neuerwachte antike Aufklärung an Völker, auf deren Lippen die biblische Grundlehre „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde" schwebte. Eine Menschheit, die in der ganzen Natur eine Schöpfung des . überweltlichen Gottes sah — der die ganze Materie von -einer leblosen Kraft mechanisch bewegt schien — eine solche ' Menschheit war für jede wissenschaftliche Welterklärung reis, für jede philosophische Naturbetrachtung befähigt. Somit konnte eine Aufklärung, "wie sie gerade die klassische Literatur bietet, nur im Lichte des biblischen Monotheismus bei den großen Volksmassen Eingang finden. Vor der Ausbreitung des biblischen Gottesglaubens war für eine rationalistische . Weltbetrachtung nur in den hochveranlagten philosophischen Köpfen Raum, nicht aber im Geiste des Durchschnittsmenschen, der ganz im Banne der Naturvergötterung