Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Der Weltkrieg und die biblische Kulturmission
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 5)
- Language
- German
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Hellas und Rom eine kräftige Bolkskultur aufzubauen imstande war? Warum hat die klassische Aufklärung nicht schon im. Altertum auf die großen Volksmafsen erzieherisch gewirkt, warum ist sie nicht wie die Amserige in alle Volksschichten gedrungen? Selbstverständlich ist diese Frage auch im Hinblick auf die anderen alten Kulturen, wie die babylonische, ägyptische u. a. zu stellen. Allein Griechenland und Rom fordern uns zu dieser Frage besonders heraus, weil sie als die Schöpfer unserer modernen Kultur dastehen und wir die Förderung unseres Fortschritts nur ihnen zugute schreiben. Eine fernere Frage, die für diese Untersuchung von Bedeutung ist, ist die, weshalb sämtliche Kulturnati-onen des Altertums auf ihre alten Tage in schrecklichster Entartung dahingeschmachtet sind, ohne daß ihre ererbten Geistesschätze sie vor diesem Verfall zu schützen vermocht hätten. Dasselbe gilt auch von den Griechen und Römern; denn auch sie sind später in ein geistiges Siechtum versunken, ohne daß ihre alte Kunst und Wissenschaft sie davor bewahrt hätten. Und doch konnte dieselbe Antike später das mittelalterische Europa aus der Lethargie erwecken und mit neuem Lebensgeist beseelen. Hierher gehört ferner die Frage, weshalb jene orientalischen Kulturen, die sich bis zum heutigen Tage erhalten haben, noch nie die Fähigkeit zeigten, über ihre ersten Keime hinauszuwachsen. Weder Indien noch China hat jemals versucht, seine uralte Kultur weiter auszubauen, trotzdem dieselbebereits in den vorchristlichen Jahrhunderten eine respektable Höhe erreicht hat. Indien, das bereits in jener frühen Zeit den philosophisch so tief durchdachten Buddhismus zu schaffen fähig war, ist nachher auf dem Wege der Kulturentwickelung bis zum heutigen Tage nicht um einen Schritt vorwärts gekommen, und China, das in seiner Jahrtausende langen Geschichte keine ernste politische Störung erfahren hat, gleicht im Hinblick auf seine kulturelle Entfaltung einer Mumie. Die Antwort auf diese und ähnliche Fragen findet man leicht, wenn man folgende Erfahrungsregel berücksichtigt. Jede neue Lehre vermag nur dann umgestaltend