Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Der Weltkrieg und die biblische Kulturmission
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111108-3117446--5756-3117535- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ist doch gerade jene Periode, in der die Bibel eine unbeschränkte Macht in Europa entfaltete, durch den Namen „Mittelalter" genügend gekennzeichnet. Während das griechisch-römische Altertum von einer Kunst und Wissen-, schaft bestrahlt war, deren Licht die dunkelsten Winkel- Europas und Vorderasiens erhellte, steht die Periode der Bibel« -und Religionsherrschaft als die kulturfeindlichste Zeit der ganzen Weltgeschichte da. Erst die Wiederbelebung der antiken Kultur hat den dichten Nebel des Mittelalters verscheucht und die Neuzeit herbeigeführt. Hat aber so die Kunst und Wissenschaft des klassischen Altertums die neueuroßäische Kultur geschaffen, dann muß der Humanismus als das Kind der Antike angesehen werden, dessen Geburt durch die Bibel eher erschwert als erleichtert wurde. Diese kulturgeschichtliche Folgerung., wird in der Tat in allen kirchenfeindlichen,Kreisen mit scheinbar logischer Konsequenz gezogen. Allein mag diese Schlußfolgerung noch so zwingend erscheinen, einer kritischen Prüfung vermag sie nicht standzuhalten. Eine nähere Untersuchung dieses kulturgeschichtlichen Prozesses führt unabweislich zu einem ganz anderen Resultat, nötigt uns die Überzeugung auf, daß die im Kampf gegen die Bibel zur Herrschaft gelangte altklassische Kultur gerade der Bibel ihren Sieg verdankt. So sonderbar es a-uch klingt, es ist doch eine unwiderleglich« historische Tatsache,, daß die in der Renaissance scheinbar zurückgedrängte Bibel der gegen sie Sturm laufenden klassischen Kultur die Pforten Europas geöffnet hat. Wenn diese Erkenntnis bisher nicht die verdiente Verbreitung gefunden hat, so liegt der Grund darin, daß man folgenden wichtigen Fragen meist aus dem Wege gehtr Was uns vor allem dazu treiben muß, die bisherige Anschauung über die Entstehung der europäischen Neuzeit einer Revision zu unterziehen, ist die Frage: wie es zu. erklären ist, daß die Antike, die später, in ihrer Neubelebung, am Ausgange des Mittelalters, die ganze Menschheit rneuern konnte, nicht auch schon in ihrer Blüte im alten.