Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Der Weltkrieg und die biblische Kulturmission
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111108-3117446--5754-3117533- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ihres Fortschritts überwältigt wird. Aber auch die ausgesprochensten Bibelfeinde können nicht umhin zu -gestehen, daß das alte Judäa neben Hellas und Rom an der Wiege der europäischen Kultur als Pate gestanden habe. " Ist dem aber so, so muß jeder Freund des Prophetenwortes in der Kultur der Neuzeit die Basis sehen, auf der sich die von den Propheten vorausgeschaute sittliche Vollendung des Menschengeschlechts, die „mesfianische Zeit", erheben wird. In den letzten Jahrzehnten waren wir alle stets von der Überzeugung durchdrungen, daß unsere moderne Kultur nur noch eines kleinen Anstoßes, einer leisen Fortbewegung bedurfte, um den Gipfel des Fortschritts zu erklimmen: das messianische Reich herbeizuführen.' Nun haben aber unerschrockene Kritiker und unvoreingenommene Beurteiler unserer. Zeit die Echtheit der modernen Kultur schon seit langem bestreiten zu müssen geglaubt. Ihnen hat dieser Weltkrieg, der uns den erschreckenden Zusammenbruch aller Zivilisation erleben läßt, vollauf Recht gegeben. Denn mit dem stolzen Bewußtsein -eines moralischen Aufstiegs hat er gründlich aufgeräumt. Sowohl die beschämende Tatsache, daß große Kulturvölker einander auszurotten suchen, als auch die unmenschliche Art dieser Kriegführung und nicht zu allerletzt das niederdrückende Bewußtsein, daß die höchsten Errungenschaften des forschenden Menschengeistes ganz in den Dienst der Vernichtung von Menschenmillionen gestellt sind, alle diese Momente gewähren uns einen so entsetzenvollen Einblick in das Hohle und Leere des europäischen Kultursystems, daß wir in dieser entmenschten Kriegführung nur die Konsequenz der ihr vorangegangenen Friedenspolitik, die die Völker zu grimmigen Tieren machte, und sie dann gegeneinander hetzte, sehen müssen. Erweist sich aber die politische Gesinnung des modernen Menschen als voll grausamer Ränke, dann mutz man das ganze europäische Kultursystem als von Grund auf morsch und faul bezeichnen. Haben wir uns bis jetzt in dem trostreichen Gedanken gespiegelt, daß diekünftige sittliche Vollendung sich auf der bisherigen Kultur ausbreiten werde, so wissen wir .heute, daß die zu erwartende