Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1918-01-01 · 21 (1918) · p. Seite 54

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
21 (1918)
Article
Meine Erinnerungen an meinen hochverehrten Lehrer Prof. Dr. H. Graetz s. A.
Date
1918-01-01
Page
Seite 54 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3111067-3111108-3117445--5750-3117530
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

54 M-HW aber auch umgekehrt sein. Es ist ein wunderbares Wort der Thora, das sie Gott sagen läßt: „Durch diejenigen, bte mir nahe sind, will ich geheiligt werden."» Gewöhnlich zerrinnt der Heiligenschein, wenn man den davon Umstrahlten in der Nähe besieht. Gott braucht die Nähe nicht zu fürchten,, im Gegenteil, mit jedem Schritt näher geht uns seine Heiligkeit mehr auf. Ebenso kann es bei großen Meistern sein. Graetz wenigstens ist in unseren Augen, je näher wir ihm rückten, immer größer geworden. Es waren nicht einmal, die großen, es waren die kleinen Züge, die dies bewirkten. Der Direktor hatte meinen ersten größeren Artikel „Jesuiten und Judenkinder" (gegen Gustav Freytag) in der Monatsschrift veröffentlicht. Kurz nachher begegnete mir Graetz auf der Treppe des Seminars, er kam herauf, ich gingchinunter. Als er schon an mir vorüber war, wendete er sich" um und» rief mir von oben einige schmeichelhafte Worte über meinen Artikel zu. Solche liebenswürdige Züge hat wohl jeder seiner Schüler von Graetz erfahren, und die Liebenswürdigkeit ist es vorzugsweise, welche die Gestalt des Lehrers in den Augen der Schüler erhöht. Ich bin in dieser Darstellung manchmal von meinem Gegenstände abgewichen, habe von anderen und anderem als von Graetz erzählt, aber ich befürchte nicht, daß man darin bte: Redseligkeit des Alters erblicke. Freilich strömen Einem bet der Wiedergabe weit zurückreichender Erinnerungen, zumal, aus den Jünglingsjahten, von allen Seiten Zuflüsse und Anschwemmungen in das Konzept, aber wenn man sich dadurch nicht gar zu weit von seinem Gegenstände abdrängen läßt, was ich nicht getan zu haben glaube, so können sie nur dazubeitragen, seine Umrisse mit immer größerer Bestimmtheit hervortreten zu lassen. Kein Mensch steht aus einem Jsolierschemel, am allerwenigsten ein öffentlicher Lehrer und> Schriftsteller. Aus dem Geflecht der mannigfachen Fäden, die sich zwischen ihm und der Öffentlichkeit hinüber und herüberschlingen, aus den vielseitigen Beziehungen, in denen ganz neue Seiten an ihm hervortreten, tritt sein Bild um so deutlicher hervor, und hebt sich von dem Hintergründe, der nur zu diesem Zwecke in Betracht kommt, in Plastischer Ausdrucksfülle ab. Deswegen habe ich es nicht vermieden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.