Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Meine Erinnerungen an meinen hochverehrten Lehrer Prof. Dr. H. Graetz s. A.
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 11)
- Language
- German
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von anderen und anderem, auch von mir (was ja kaum zu umgehen war) zu erzählen, Graetz bleibt doch immer der -Mittelpunkt. Als ich 1854 nach Breslau ging, war ich auch an den . Professor der Geologie an der dortigen Universität, Römer, einen Hildesheimer, empfohlen. Dieser begegnete mir einmal auf der Schweidnitzerstraße, sprach mich an und fragte mich: „Me lange dauert denn Ihr Kursus am Seminar?" Ich antwortete: „Sieben Jahre." „Sieben Jahre", rief er erstaunt aus und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Nun hat sich dieser Zeitraum bereits neunmal wiederholt! Seit meinem Abgänge von Breslau i. 1.1862 bin ich selbstverständlich mit Graetz in brieflicher Verbindung geblieben. Aber Briefe können den Umgang nicht ersetzen. Die dreißig Jahre, die Graetz von jenem Zeitpunkt ab noch zu leben vergönnt waren, haben ihm immer größeren Ruhm, aber auch unangenehme Erfahrungen gebracht. Es kamen andere Lehrer an die Stelle der ursprünglichen, und er mußte die altgewohnten Kollegen von seiner Seite scheiden sehen. Auch der politischen Verkennung konnte, wie die Juden überhaupt, ihr Geschichtschreiber nicht entgehen. Aber von diesem Zeitraum und seinen Vorgängen will ich nicht reden, ich wollte nur meinen Lehrer schildern. In den acht Jahren, in denen er dies war, haben sich seine Züge mir unauslöschlich eingeprägt, und wenn es mir gelungen sein sollte, diese Eindrücke so wiederzugeben, wie sie in mir haften, sein Bild so zur Anschauung zu bringen, wie es in meinem Herzen lebt, dann darf ich vielleicht hoffen, zu seiner volleren, allgemeineren Würdigung beigetragen zu haben. Soll ich meine Meinung von Graetz in einem Satze zusammenfassen, so sage ich von ihm, was Hamlet von seinem Vater sagt: Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem, Ihr werdet nimmer seinesgleichen sehn!