Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Meine Erinnerungen an meinen hochverehrten Lehrer Prof. Dr. H. Graetz s. A.
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 53 (sequence 9)
- Language
- German
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— 53 ‘fügte auch die talmudische Ergänzung hinzu: „Ern Mal Äber das andere!" Er hat recht behalten, was ich seinem Segen verdanke/ . Mit seinen Vorlesungen hatte Graetz anfangs kein -Gluck. Sein Vortrag war unsäglich trocken, denn Graetz befaß gar keine Beredsamkeit. Aber der Ernst seines Vortrages ersetzte den Mangel rednerischen Glanzes, und die Hörer erkannten bald, daß sie Lei Graetz an der Quelle saßen. An neuen Gesichtspunkten, Anregungen und Winken fehlte es nie, wer selbständig arbeiten wollte, kam bei Graetz aus seine Rechnung. Er gab vor allem eine Richtung, und das ist doch beim Unterricht die Hauptsache. Er war kein Kleinckrämer, schließlich macht doch nur der große Zug, der weite Blick, diemiit dem breiten Pinsel ausgeführte Gesamtüberficht den wahren Geschichtschreiber. Darin ist Graetz unerreicht. Man kann die Schriftsteller aus ihren Schriften nur unvollkommen kennen lernen. Es bleibt immer nur eine halbe Bekanntschaft. Gewöhnlich ist man überrascht, wenn man einen Schriftsteller erst nachdem man seine Schriften gelesen, zu Gesicht bekommt. Man sieht sich meistens zu dem Geständnis gedrängt: „So habe ich mir den Mann nicht vorgestellt." Es ist gewiß Vielen so auch mit Graetz -ergangen. Man hat ein scharfes Wort oder Urteil zu buchftäblich genommen. Wer Graetz kannte, der wußte, daß er sich derartige Krastausdrücke oder Krafturteile erst abringen mußte, denn in seiner konzilianten Natur lagen sie gar nicht. Deshalb sind die Schüler die besten Kenner ihrer Lehrer., Unsere Alten sagten: der „Schimmusch" ist mehr wie der „Limmud" d h. der persönliche Umgang, das Beispiel übt «ine stärkere Wirkung auf den Schüler aus, als der Unterricht. Der Schimmusch vermittelt aber auch die genaue Bekanntschaft mit dem Lehrer. Ein Sprichwort sagt allerdings: es gibt keinen großen Mann vor seinem Kammerdiener. Man könnte das Wort auch auf den Schüler anwenden. Beide haben Gelegenheit, den großen Mann in Situationen zu sehen, die der breiten Öffentlichkeit stets verborgen bleiben und die mitunter geeignet sind, sein Bild zu verdunkeln. Die Wirkung kann