Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Meine Erinnerungen an meinen hochverehrten Lehrer Prof. Dr. H. Graetz s. A.
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 8)
- Language
- German
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waren aber nie verletzend. Seine Unterhaltung mit dem Hörern war immer anregend, ungezwungen, vermied aberalles Verfängliche und Zweideutige. Graetz behielt immer den Beruf im Auge, dem die Hörer sich widmeten. In diesem Punkte aber war er mit dem Direktor nicht ganz einer Meinung. Der Direktor wollte nur Rabbiner . d. h. Junger und Fortbildner der talmudischen Wissenschaft heranziehen. Eine gründliche allgemeine Bildung sollte siein die wissenschaftliche Methode einführen. Das war nach, seiner Meinung der eigentliche Zweck des Seminars. Deshalb wollte er nichts von den Predigern wissen, die dasganze Gewicht auf die Predigt legten und der talmudischen. Wissenschaft nur geringe Aufmerksamkeit schenkten. Der Direktor unterschätzte die Bedeutung der Predigt keineswegs, aber sie sollte aus dem rabbinischen Lehren und Wirken herauswachsen, wodurch ihr nach seiner Meinung erst 8er belebende Geist, das jüdische Gepräge und die rechte Wirksamkeit zuteil würden. Deswegen sah es der Direktor ungern, wenn die Hörer den Doktörtitel.zu erlangen suchten,, was doch schließlich alle taten. Er war der Meinung, daß., der historische Rabbinertitel, den das Seminar, verleihe, jeden anderen überwiege und in den Hintergrund dränge. Graetz war dagegen der Ansicht, daß man dem Geschmack' der Zeit, die nun einmal auf die Predigt das Hauptgewichte lege, Rechnung tragen müsse. Er wollte nur seine Hörer untergebracht sehen, unter welchem Titel, war ihm einerlei. Als ich 1861 von der Brüdergemeinde in Posen als Prediger angestellt werden sollte, riet mir Graetz dringend zu, die voraussichtlich auf mich fallende Wahl anzunehmen, aber in dem Schweigen des Direktors erblickte ich eine Abmahnung, der ich folgte, denn ich konnte es nicht über mich gewinnen^ als erster Abiturient ihm entgegen zu handeln. Zur Abrundung dieses wohl auch für andere nicht uninteressanten. Erlebnisses berichte ich weiter, daß ich in den folgenden Tagen dem Direktor wohl den Eindruck gemacht haben mußte, als bereute ich meine Absage, denn er ließ mich Zeines Tages rufen und sagte lächelnd zu mir: „Sie sind wohl besorgt wegen Ihrer Zukunft?" Er setzte hebräisch, sort: „Ich werde Jerusalem mit Lichtern suchen", und»