Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Meine Erinnerungen an meinen hochverehrten Lehrer Prof. Dr. H. Graetz s. A.
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 49 (sequence 5)
- Language
- German
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es ihn, wenn er seine Vorlesungen und seinen Spaziergang absolviert hatte. Graetz war kein Schwerarbeiter, es ging ihm alles leicht von der Hand, über die verwickeltsten Probleme kam er bald mit sich ins Reine. Sein erstes, weitläufig geschriebenes Konzept ging gewöhnlich so, ohne viel Korrekturen, in-die Druckerei. Diese Leichtigkeit der Auffassung und Darstellung ist eine zweifelhafte Naturgabe, sie verführt zu Flüchtigkeiten, denen auch Graetz nicht entging, und was schlimmer ist, sie flößt dem Schreibsertigen ein Wort, ein Urteil in die Feder, das er bei langsamerer Arbeit vielleicht vermieden hätten Lebhaft ist mir der Augenblick gegenwärtig, als ich einmal in das Zimmer des Direktors trat und dieser mir voll Aufregung mit einem aufgeschlagenen neuen Bande Graetz entgegenkam. „Was sagen Sie dazu," rief er mir zu, „da hat doch Graetz den Remah einen Stocktalmudisten genannt!" Remah ist eine Kontraktion, von Rabbenu Meir halevi (Abulafia). Der Träger dieses Namens war einer der größten spanischen Talmudisten, einer der heftigsten Streiter in dem Kampfe gegen die philosophischen Schriften deD Maimonides, ein Mann von unbestrittener Lauterkeit der Gesinnung. Einem solchen Manne gegenüber, und ich füge hinzu überhaupt, ist das Wort Stocktalmudist in dem Munde eines Juden, noch dazu eines Mischen Geschichtschreibers, nicht am Platze. Man gestatte mir zur Begründung dieser Behauptung eine sprachliche Bemerkung. Die mit der Vorsilbe „Stock" zusammengesetzten Wörter bezeichnen alle etwas Unangenehmes, Widriges, das durch diese Vorsilbe noch verstärkt werden soll. So sagt man stockfinster, stockblind, stocktaub, stockheiser. Alle diese üblen Zustände sollen durch die Vorsilbe noch verstärkt werden. Dagegen braucht man dieselbe Vorsilbe nie bei angenehmen Eigenschaften, man sagt also nicht stockbrav, stockedel, stockhell. Auch verstockt verwendet man nur bei etwas Bösem zu größerem Nachdruck. Man spricht von einem verstockten Sünder, aber nicht von einem verstockten Wohltäter. Ich glaube demnach, daß Lessing, wenn er sich die Sache länger überlegt hätte, Nathan dem Weisen nicht die Worte in den Mund gelegt haben