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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1918-01-01 · 21 (1918) · p. Seite 48

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
21 (1918)
Article
Meine Erinnerungen an meinen hochverehrten Lehrer Prof. Dr. H. Graetz s. A.
Date
1918-01-01
Page
Seite 48 (sequence 4)
Language
German
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- Der Grundzug seines Wesens war Herzensgüte. Jch> habe ihn während der acht Jahre, die ich in Breslau zubrachte, nie gereizt, geschweige erzürnt gesehen, er begegnete jedem mit überquellendem Wohlwollen. Dieser Zug führt vielleicht in den tiefsten Grund seiner Lebensarbeit. Der verstorbene berühmte Kliniker der Wiener Universität, Nothnagel, hat einmal in einem Vortrage den Satz aufgestellt:. Nur ein guter Mensch kann ein guter Arzt sein. Ich glaube, daß von dem Geschichtschreiber dasselbe gilt, wenn auch ausanderem Grunde. Man kann kein guter Geschichtschreibersein, ohne ein guter Mensch zu sein. Der Nörgler, den verbissene und verärgerte Mensch, der, wie einer unsrer mittelalterlichen Sittenlehrer sagt, sich gleich der Fliegeimmer aus die wunden Stellen setzt, kann die Vergangenheit nicht richtig auffassen und wiedergeben, weil er nicht eimnal für die Wirklichkeit die-richtige Auffassung besitzt. Er sieht alles schwarz, weil es in ihm selbst so aussieht. Mit den Menschen ist es wie mit den Büchern, von denen Pliniussagt, daß kein Buch so schlecht sei, daß es nicht mit Vorteil benützt werden könnte. Man muß das Gute an dem Menschen aufsuchen, das Schlechte an ihnen drängt sich schon von selber aus. Das ist die Geschichtsauffassung eines guten Menschen, und diese war Graetz zu eigen. Er gab seiner Darstellung Schwung, der den Leser mit sich riß, weil er selbst Schwung besaß. Dies erklärt den großen Erfolg, seiner Geschichte. Wer aber die Herzensgüte Graetzens an der Wurzel, kennen lernen wollte, der mußte ihn in seinem Hause, inmitten seiner Familie beobachten. Das Verhalten seiner Frau gegenüber-- hatte die Zartheit und Delikatesse des- Brautstandes bewahrt. Er war ein ebenso zärtlicher Vater.. Sein Haus war ihm alles, ersetzte ihm alles und entschädigte ihn für alles. Für junge Männer ein nicht leicht zu hoch anzuschlagendes Bildungsmittel. Seine Arbeitskraft war eine ganz ungewöhnlich große.. Das Kuratorium hatte ihm ein über seiner Wohnung gelegenes Arbeitszimmer zur Verfügung gestellt. Diesessuchte er im Hochsommer , mit Morgenanbruch, in den anderen Jahreszeiten ebenfalls frühzeitig auf. Dorthin zog.

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