Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Meine Erinnerungen an meinen hochverehrten Lehrer Prof. Dr. H. Graetz s. A.
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 3)
- Language
- German
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— 47 — ' . schäften brachten einen immer zwangloseren, innigern Verkehr zwischen ihm und seinen Hörern zu Wege. Man war damals vielfach der Meinung, daß es in dem neubegründeten jüdisch-theologischen Seminar zu Breslau klösterlich zugehe. Zu dieser Meinung, die dem Seminar viel Abgunst eintrug, hattss unstreitig seine allerdings nicht glücklich gewählte Benennung Veranlassung gegeben. Tatsächlich war das Leben im Breslauer Seminar bei allem religiösen und sittlichen Ernst ein durchaus freies, von jugendlicher Heiterkeit und Lebensfreude durchwärmtes. Wir wohnten unserer nur vier Hörer im Seminar, von denen leider schon drei lange entschlafen sind, in einer Dachkammer, indieesim Winter hineinschneite und im Sommer hineinregnete, aber diese und andere Mißstände hinderten weder unsere Heiterkeit, noch verminderten sie unseren Arbeitseifer. Selbstverständlich besuchten die Hörer das Theater — damals gab es in Breslau nur eines —, nahmen auch an Lesekränzchen, an häuslichen Tanzunterhaltungen teil und waren in den besten jüdischen Familien willkommene Gäste. Dem Direktor war diese ungezwungene, obwohl durchaus untadlige, Lebensweise der Seminaristen doch nicht ganz nach seinem Geschmack, er tadelte sie nicht, nie ist ein derartiges Wort über seine Lippen gekommen, aber er machte doch gelegentliche Andeutungen. , Gleichwohl mußte er es sich gefallen lassen, daß wir zur Feier seiner silbernen Hochzeit im Verein mit jungen Damen einige Lustspiele in seiner Wohnung vor vielen Gästen mit vielem Beifall aufführten. Für Graetz hingegen war dies Leben und Treiben der jungen Männer gerade nach seinem Geschmack und er begünstigte es. Er mochte seine Freude daran haben, daß wir eine freundlichere Jugend genossen, als ihm beschieden war. Er war keineswegs ein Genußmensch, aber man hätte ihn doch, wenn leine Verhältnisse nicht so karg abgemessen gewesen wären, einen Lebemann, allerdings in sehr verkleinertem Maßstab, nennen können. Er besuchte jeden Nachmittag, um Zeitungen zu lesen, eine bestimmte Konditorei, trank dort eine mächtige Schale symbolischen Kaffees — Wiener Kaffee- Häuser gab es damals in Breslau noch nicht —, hatte seine Häusliche Kartenpartie, machte und empfing gern Besuche.