Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 19)
- Language
- German
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34 Mit einem Thema, das von judenfeindlicher Seite oft zu gehässigen Angriffen auf das Judentum benutzt wurde, befaßt sich die Monographie „Kol Nidre und feine Entstehungsgeschichte" von I. S. Bloch. Gelegenheit zu dieser literargeschichtlichen Arbeit gaben polemische Ausfälle Erich Bischoffs gegen den „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", der frühere wissenschaftliche Untersuchungen Blochs über das Kol Nidre zur Grundlage von Eingaben an Behörden gemacht hatte. Die Schrift Blochs behandelt das Thema erschöpfend und überzeugt jeden, der sich überzeugen lassen will. Unerwähnt darf nicht bleiben — denn ich halte die Methode des Totschweigens für eine Versündigung gegen die Wahrheit — eine Broschüre von I. Kramer: „Eine Versündigung an der jüdischen Wissenschaft", in der scharfe Kritik an B. Kellermanns großer wissenschaftlichen Arbeit „Die Kämpfe Gottes von Lewi ben Gerson" geübt wird. Derartige Kritiker sind in der Geschichte der jüdischen Literatur nicht neu; sie sind so alt wie-die Wissenschaft des Judentums selbst. Man erinnere sich der polemischen Ausfälle des Dunasch ibn Librat gegen die exegetischen Arbeiten des Gaon Saadja und gegen das Lexikon des Menachem ibn Saruk. Die Geschichte der Kritik in der jüdischen Literatur ist bis jetzt noch nicht vollständig geschrieben (eine diesbezügliche Arbeit von mir ist nur zum Teil in der hebräischen Zeitschrift „Ozar ha-sifrut" erschienen). Sie bildet ein interessantes, durchaus nicht unerfreuliches Kapitel der Kulturgeschichte der Juden, denn sie zeugt von dem frischen und lebhaften Geist des jüdischen Volles, dem die Literatur und die Wissenschaft keine Spielerei bedeutete, sondern eine^ Lebensäußerung. An der Schrift Kramers wäre inhaltlich nichts auszusetzen, da seine Ausstellungen und Berichtigungen gerechtfertigt sind. Aber wir leben nicht mehr in der Epoche Ibn Librats-und seiner Zeitgenossen. Heutzutage gilt, oder müßte gelten, die Regel, die Lessing für eine ehrliche'Kritik aufstellt: Man darf aus ihr nicht mehr erfahren, als was man aus dem besprochenen Buch von selbst erfährt. Die Polemik, oder sagen wir richtiger, die persönlichen Angriffe Kramers