Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 21 (1918)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5677
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Vielfach Denunziationen — der Gehalt des Wortes ist in der deutschen Bezeichnung „Angeberei" nicht ganz, erschöpft — weil Denunziationen, und zugestandener-, maßen meist anonyme, die Juden der Drückebergerei bezichtigten. Den späteren beruhigenden Erklärungen des Kriegsministers ist der volle Glaube beizumessen, daß: eine unfreundliche Absicht mit der Zählung nicht verbunden sei, daß man nur Material gewinnen wollte, um gegebenen, falls jenen Verdächtigungen entgegenzutreten. Ebenso ist: mit Genugtuung anzuerkennen, daß spätere Ausführungs- , bestimmungen auf eine 'rein sachliche, gerechte, den Juden nicht abträgliche Durchführung der Statistik hinwirkten. Das konnte freilich nicht mehr verhindern, daß draußen schlummernde antisemitische Neigungen geweckt, zurückgehaltene judenfeindliche Gesinnungen ermutigt, zur Betätigung verführt und daß Zwiespältigkeiten vielfache hervorgerufen wurden. Trotzdem: indes die Vertreter der statistischen Wissenschaft auf die vielen zuungunsten der Juden gereichendem Fehlerquellen in der Anordnung der Zählung hinwiesen,: ist das Ergebnis doch offenbar derart, daß der Antisemitismus aus ihm kein Gift gewinnen konnte, das sich-- auf die Juden spritzen ließ. Mit der Ausbeutung einer uns ungünstigen Statistik hätte man wahrlich nicht gezögert. Wie im preußischen Kriegs-Ministerium so ist offenbar und erfteulicherweise in allen Regierungskreisen dieNeigung vorhanden und oft gezeigt worden, die Opferwilligkeit derdeutschen Juden, ihre Kriegsleistungen an Gut und Blut nach Gebühr anzuerkennen. Man weiß, wieviel tausende^ und abertausende jüdischer Jünglinge ihre Vaterlandstreue draußen mit ihrem Blute besiegelt haben, manweiß auch den großen Anteil der Juden, selbst der ärmeren, am Erfolg der Kriegsanleihe einzuschätzen, ihre Verdienst^ innerhalb der Kriegswirtschaft. Das Wort des Reichskanzlers v. Bethmann-Hollweg, das Programmwort „freie Bahn dem Tüchtigen", haben auch seine Amtsnachfolger als treu zu hütendes Erbe übernommen. Der nach 105- Tagen kampfreicher und mühevoller Amtswaltung zurückgetretene Reichskanzler Dr. Michaelis hat in feiner früherem