Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 213 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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213 t>ie Ablaß erheischenden in der Kirche verharrten. Der «Graf suchte uns möglichst rasch zum Muttergottesbild zu «führen. Das bot eine Enttäuschung. Es war nichts daran zu sehen, als ein Heiligenbild, ganz nachgedunkelt, in -goldener Umrahmung, in eine Art Vergitterung, mit -vielem reichen Schmuck beladen, von demes hieß, das -er sehr kostbar sei. Besonders ein Auge, das tränen- -funkelnd aus einem unschätzbaren Solitär bestehen sollte. So erzählt die fromme Sage. Ob dies wahr-und ob Las Bild ein Kunstwerk sei, konnte wohl .keiner von denen, die sich anbetend nahten, unterscheiden. Und immer weiter schob sich die Menge. Wir wurden förmlich mit getrieben, hielten uns aber möglichst dicht bei- -einander. Da, schon nahe dem Ausgangsportah blieb der Graf plötzlich zurück, trat an einen Beichtstuhl herum und flüsterte durch die Öffnung einem ganz jungen Geistlichen, der wohl eben erst die Weihen empfangen chatte, einige Worte ins Ohr. Dieser machte das Zeichen des Kreuzes, und an die Außenseite des Beichtstuhls gelehnt, wiederholte der Graf das Symbol. Alles war das Werk weniger Minuten. Wir standen etwas abseits, ihn erwartend und konnten den Vorgang genau beobachten. Dann trat er wieder zu uns, ohne jede -äußerliche Erregung. Neben ihm ging jetzt Mirele, - zu der er' ganz leise sprach, wie man es in Gotteshäusern ja tut. Nichts konnte dabei auffallen. Als wir inß .Freie traten, atmete ich wie erlöst auf. Das Gewühl in der Kirche, die Schwüle, die bedrückende Luft, das -Stöhnen und Seufzen der Wallfahrer, die befremdlichen Zeremonien hatten mich in eine große Aufregung verhetzt. Nun aber waren wir draußen und ich klammerte -mich fest an den Arm meiner Schwester, um neben ihr den Berg hinunter zu gehen. Welch' neuer Anblick bot -sich jetzt dein Auge. Die früh hereinbrechende Dunkelheit des Spätsommertages hatte die jasna gura, samt Kirche und Kloster in ein graues, fahles Dämmer gehüllt, das sich hinunter zog bis zur Stadt. Einzelheiten waren uicht. zu erkennen, nur tausende Gestalten, die sich hin und her bewegten, zumeist aber auf der Erde kauerten