Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 212 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3111067-3111106-3117197--5669-3117435- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
212 Berg im Abenddunkel uns in Aussicht gestellt, und iE dem letzten Zuge erst sollten wir zurückfahren. Wir brachen also auf und gingen zunächst, ine Hauptstraße vermeidend, durch die engett schmutzigem Gassen des Judenviertels und von dort über einen Feldweg bis an den Fuß des Hügels, den wir dann seitlich bestiegen. Auch dort war der Andrang ungeheuer, aber die Reihen hatten sich schon etwas gelichtet. Hunderte hatten die Kirche bereits erreicht und durch das Hauptportal betreten. Auch durch die Seitenportale strömte die Menge' ein und auf dem Berg, auf dem die Kirche sich erhob und die angrenzenden Klostergebäude, wimmelten die Menschenscharen wie Ameisenhaufen. Wir waren erst langsam emporgestiegen, dann aber ging es keuchendzur Anhöhe hinan, als ob auch wir einen Bußgangmachen müßten. Jeder unserer Begleiter hatte eine von uns in seinen Schutz genommen. Graf Botho ging dem Zuge vorauf, gewissermaßen den Schrittmacher auf diesem Terrain bildend, das ihm augenscheinlich nicht fremd war. Durch einen Seitenflügel geleitete er uns in die Kirche. Mit einem erleichternden Aufatmen betraten wir dann das große Mittelschiff des Kirchenraums. Dort, am unteren Ende des links von der Apsis gelegenen Altars stand das Bild der schwarzen Mutter Gottes. Wir konnten es noch nicht sehen, aber der Graf sagte esuns und empfahl uns, dicht hinter ihm zu bleiben, indem er darauf lossteuerte. Hin und wieder staute sich der Verkehr. Am dichtesten war das Gewühl in der Nähe der unzähligen Beichtstühle, an denen die Büßenden vorbeizogen, vom Geistlichen mit einem langen Stabe be- ' rührt, um so von ihm den Segen zu empfangen, den er nicht jedem einzelnen angedeihen lasten konnte. An anderen Beichtstühlen harrten wieder andere, bis sie durch die an der Seite befindliche Öffnung, ,dem Beichtvater, ihre Sündenregister ins Ohr flüstern konnten, das er der Öffnung zuneigte, ununterbrochen Gebete murmelnd, bis er alles vernommen und die Absolution erteilte. Fremdartig muteteuns dieses Tun an, und ich hörte mit ungläubigem Staunen, daß stunden-, oft tagelang