Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 214 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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214 und sich zu betenden Gruppen vereinten. Der Vorbeter sprach dann einen Vers, den die um ihn versammeltem wiederholten. Jede Gruppe war von einer Kerze spärlich beleuchtet. Es war ein unheimlicher Anblick. Ein Murmeln und Raunen in quälenden Tönen indeo Luft. Der ganze Berg war mit den flackernden Lichtern wie besät, und so verbrachten die Büßenden die Nacht an der ihnen heiligen Stätte. Unsere Begleiter strebten rasch vorwärts zu kommen. Der Oberingenieur Krause hatte jetzt die Führung übernommen, neben ihm ging ich und meine Schwester. Sprinze und Malli folgten mit dem Grafen, dann die übrigen, unter ihnen Mirele. Von Zeit zu Zeit rief der Oberingenieur mit gedämpfter- Stimme: „Zusammenbleiben! Vorwärts! Nicht umschauen! Nicht stehen bleiben!" Man befolgte seine- Anordnungen. Vorwärts, nur vorwärts! Ein banges Gefühl durchdrang mich. Vorwärts, nicht zurückblicken, zusammenbleiben... So schritten wir hinab, durch das Gedränge der Stadt zu. Endlich ... endlich waren Win unten angelangt. Der graue Dämmerschein hatte sich nach und nach in völliges Dunkel verwandelt. „Gott sei Dank, daß wir unten sind," rief ich, wie erlöst. „Gelobt sei Jesus Christus!" sagte der Graf. „Alle beisammen?" fragte in fröhlichem Tone den Oberingenieur. „Alle!" erscholl es im Chor freudiger Stimmen. „Alle!" Aber dann, als man die Allee betrat und wir uns scherzhaft begrüßten, fehlte jemand: Mirele! Man begann sie zu suchen, was sich bald als eine Unmöglichkeit herausstellte in diesem Menschenschwarm und der tiefem Dunkelheit. Die Herren beschlossen daher, daß den Student und der Gymnasiast Zurückbleiben und sie erwarten oder suchen sollten. Gras von Räuden bot sich als dritter an. Man war noch nicht gerade beunruhigt,, weil Mirele ja die Stadt kannte, sich Wohl nur verlaufem hatte und sich zurückfinden würde. Dann verabredete man, daß wir am Bahnhof uns alle zur Rückfahrt vei>