Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 204 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Als er eintraf, schien ihm der duftende Kaffee, eine Spezialität des Weißen Hauses, von seinem Beherrscher persönlich gepflegt, nicht zu munden, auch die Mürbeküchel nicht, die man noch in Eile gebacken hatte und die frisch und lecker auf dem Tische standen. Der Gast zog sich bald mit dem Vater und den älteren Geschwistern zu einer Unterredung zurück. Stundenlang saßen sie zusammen und wir andern waren brennend neugierig, um was es sich handelte. Als sie dann wieder zum Vorschein kamen, waren sie alle äußerlich ruhig und gefaßt. Am beherrschtesten erschienen Vater und Sohn und niemand konnte ihnen anmerken, was sie erfüllte. Mit halblaut geflüstertem: „Güte Nacht" ging Reb Meyerl zur Ruh. Ihm folgten die andern in ihre verschiedenen Behausungen und auch Beer Wolf suchte die für ihn stets bereit stehende Wohnung auf. Wir schliefen nebenan. Er ging in seinem Zimmer noch lange auf und ab. Dann knarrte leise eine Tür und hierauf trat tiefe Stille ein. Kein Laut, kein Geräusch wurde hörbar. Er hatte sich wohl zur Ruhe begeben. Ich horchte, ich lauschte in die nächtliche Stille... nichts regte sich und doch wie von weitem klangen sich entfernende Schritte herüber. Später wieder ein Tönen und Klingen in der Lust. Singende Nächte! Angstvoll stiegen diese Einbildungen wieder vor mir auf. Ich schlich ans Fenster. Wenn ich mich von der Grundlosigkeit meiner Angst überzeugt haben und gesehen haben würde, daß nichts draußen die Ruhe der Nacht störte, mußte der Spuk verschwinden. Ich preßte den Kopf an die Fensterscheiben und tauchte die-Blicke förmlich in das Dunkel. Nichts war zu hören und nichts zu sehen ... Aber als ich ins Bett zurückschleichen wollte... dort... dort! Ein Schatten huschte durch die Büsche, schlich durch das Gärtchen und verlor sich in der Gegend, wo die Sukkeh stand. Ein kaum vernehmbares Knarren, mein jetzt sehr geschärftes Gehör hatte es dennoch gehört. Die Tür, die aus dem Garten direkt in das leichte Bretterhäuschen der Laubhütte führte, wurde geschlossen. Dort schlief Mirele in den Sommermonaten. In einem Verschlage