Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 205 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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205 nebenan war die taubstumme Feltscha untergebracht. Eine der verwaisten Nichten Reb Meyerls. Bei diesen primitiven Baulichkeiten war der Schatten verschwunden. Und jetzt ein jauchzender Ton, dann ein Aufstöhnen. War es Mirele? War es die staubtumme Feltscha? War es die singende Nacht? Laut aufweinend stürzte ich in mein Bett, ohne Rücksicht auf den nebenan schlafenden Beer Wolff. Meine Schwester war erwacht, aber im Nebenzimmer regte sich nichts. Der dort Schlummernde schien sehr fest zu schlafen. Am andern Morgen war Beer Wolff wieder abgereist. Die sich entfernenden Schritte, die knarrenden Töne, das Tönen und Raunen in der atemlosen Stille, die Schatten im Dunkel, Tatsachen oder Visionen? Meine Schwester lachte mich aus, als ich ihr alles erzählte, sagte aber dann sehr ernsthaft werdend: „Es ist höchste Zeit, daß wir abreisen." Das dachte ich auch, und wir waren froh, als Mittag Reb Meyerl uns mitteilte, ein Brief von Mama melde, daß sie uns am Montag zur Heimreise abholen würde. Langsam zogen nun die Tage dahin. Wir hatten heimlich begonnen, sie zu zählen. Man fing allgemach an, im Hause und in den benachbarten Judenstädtchen zum Roschhaschano- und Versöhnungsfest die weihevollen Vorbereitungen zu treffen. Heilige Tage waren im Anzuge. Das Volk Israels rüstete sich ihnen würdig entgegen zu gehen. Überall eine eifervolle Geschäftigkeit, von frommen Wünschen begleitet. Alle empfanden in ahnungsvollen Schauern das Herannahen dieser gewaltigen, höchsten, gottgeweihten Zeit. Wir waren inzwischen einmal nach. Krumelow gefahren, wozu der Student uns eingeladen hatte. Meine Schwester und ich auf einer kleinen Britschka, die er kutschierte. Er wollte uns im Park die Quelle zeigen, der die lange Warte entspringt. Das war uns sehr interessant, aber viel interessanter als Quellen, Flüsse, Mündungen, von denen er sprach, war uns der Strom des lebendigen Lebens, der aus seiner Erzählung flutete, über den Be-