Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 203 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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203 auslauschte, dann war es mir, als ob die Nachte flüsterten und weinten und — jauchzten. Ein Raunen und Klingen ringsumher. Singende Nächte! Wer sang? Wer flüsterte? Wer klagte? Wer jauchzte? Wer? Wo? Am Waldessaum, auf dem letzten Heuschnitt der Wiesen, am Bachesrand? Und halb vom Schlummer umfangen, glaubte ich ein leises, geheimnisvolles Rufen zu vernehmen: „Miranda!" Ich stürzte ans Fenster. Nichts regte sich rund um. Kein Laut war vernehmbar. Eine tiefe Stille erfüllte die Nacht, die ihr blaues Dunkel auf die Erde hinabsenkte. Rasch schloß ich das Fenster und die gleichmäßigen Atemzüge meiner von festem Schlaf umfangenen Schwester brachten dann auch Ruhe in meine aufgeregte Phantasie. Der Morgen fand mich heiter und ausgeruht. Der nächtliche Spuk war verschwunden. Singende Nächte! Mir erschienen jetzt im hellen Sonnenschein diese Halbträume so unwahrscheinlich, daß ich gar nicht davon sprach, und die glückliche Jugend hat das Vorrecht, rasch hinauszukommen über solche Erregungen Träume sind Schäume! Ob diese singenden Nächte Träume waren? Ich dachte nicht viel darüber nach und gab mich dem fröhlichen Leben des Tages hin. Heute weiß ich es anders. ' Noch eine Episode erlebten wir, die vom Alltäglichen abwich, ehe vor der Heimreise die große Katastrophe eintrat. ' Eines Nachmittags traf ein Telegramm ein, daß Beer Wolfs, der Sohn aus Warschau, am Abende ankommen würde. Man war auf seinen Besuch nicht vorbereitet, aber bald waren alle Vorkehrungen zu seinem Empfange im Gange.